Von Ulrich Schmidt

Norddeutsche Trinkwasser-Normalverbraucher werden es mir nicht glauben: Ich habe Elbewasser getrunken – und lebe noch. Und mehr als das: Ich habe gute Chancen, „jung und nimmer alt“ zu werden. So jedenfalls verheißt es das Lied vom „Brünnlein kalt“, die Nationalhymne aller Freunde des Riesengebirges. Vom Interhotel „Labska bouda“ (Elbebaude) geht man auf der kahlen, leicht ansteigenden Hochfläche tausend Meter weit nach Nordwesten und steht dann in einem kleinen flachen Talkessel vor dem mit Elbewasser gefüllten Betonbrunnen.

Die Naturgestalter haben da nachgeholfen. Denn das Wasser rieselt aus vielen winzigen Quellen einer noch etwas höher gelegenen Moorwiese. Sehr unbefriedigend für Leute, die es genauer wissen wollen. Darum hat man dort, wo das Wasser aus zwei Rinnsalen sich zu einem kleinen Bach vereinigt, den Brunnenring gesetzt. Seitdem ist klar: Genau hier, in 1386 Metern über dem Meeresspiegel, ist amtlich die Quelle der Elbe, und von hier aus gemessen ist sie bis zur 15 Kilometer breiten Mündung bei Cuxhaven 1165 Kilometer lang. An der Mauer neben dem Brunnen sind die Wappen der zwei Dutzend Städte aufgereiht, die die Elbe auf ihrem Weg zur Nordsee passiert.

Auf dem Grund des Brunnens blinken Münzen in tschechischer und zweierlei deutscher Währung, Opfergaben zu dem Zweck, Rübezahl, den rauhen Herrn des wilden Gebirges, freundlich zu stimmen. Die Tschechen nennen ihn Krakonosch, das klingt noch deftiger, und das Gebirge haben sie nach ihm benannt: Krkonosche. Ähnlich die Deutschen: Nicht daß das Gebirge so riesig wäre. Die durchschnittliche Kammhöhe liegt bei 1200 Metern, der höchste Buckel ist die Schneekoppe (Snezka) mit 1602 Metern. Auch ist die Flächenausdehnung mit 40 mal 20 Kilometern recht bescheiden.

Nein, der Name des Gebirges bezieht sich auf den Riesen Rübezahl, der mit wilder Mähne und langem Bart, bekleidet nur mit einem wallenden Umhang und Siebenmeilen-Pantoffeln, ausgerüstet mit einem Fichtenstamm als Wanderstab, über Kuppen und Schluchten hinwegschreitet. Gern führt er die in sein Reich Eingedrungenen an der Nase herum, und mir scheint, er habe auch seine touristische Vertretung in Frankfurt, das Reisebüro Cedok, angewiesen, den Fremden das Einreisen nicht gar zu bequem zu machen.

Schon auf dem Flughafen von Prag schauten wir einigermaßen ratlos umher, bis wir den Weg zur Devisenbank, zur Gepäckausgabe, zum Ausgang gefunden hatten. Am Bankschalter muß man pro Tag 30 Mark gegen Kronen eintauschen zum Kurs 1:5. Der Taxifahrer hingegen und der Kellner im Hotel bieten 1:10 an. Ist das nicht verboten? „Nu ja, wissen Se, is nich erlaubt, is nich verboten, also bitteschenn, mechten Se tauschen?“

Die Lebensart hat noch immer etwas von der guten alten Donaumonarchie. Man darf reisen, wohin man will, auch in westliche Länder, allerdings zum Kaufkraftkurs 10:1. Die DDR-Bürger erhalten für ihre Mark nur drei Kronen, bei schwarzem Umtausch sogar nur zwei oder zweieinhalb. Und das, obwohl sie im Winter wie im Sommer das weitaus größte ausländische Besucherkontingent stellen, mehr als achtmal so viel wie die Bundesdeutschen.