Frankfurt am Main

Im Juni findet in Frankfurt der 22. Evangelische Kirchentag statt. Sein Motto: „Seht, welch ein Mensch!“ Das Plakat war bereits gedruckt, wurde jedoch wieder eingestampft.

Die Berliner Graphikerin Inge Pape hat das umstrittene Poster entworfen. Ihr Entwurf zeigte ein offenes Kreuz, in dem unter anderen die Gesichter von Leonid Breschnew, Ronald Reagan und zwei DDR-Volkspolizisten zu sehen waren. Auf aktuelle Rassismusprobleme verwiesen zwei türkische Frauen, das Konterfei einer Schwarzen und links im Kreuz das Brustbild eines orthodoxen Juden mit Davidstern. Inge Pape wollte Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und Erfahrung zeigen. „Seht her, welche Menschen.“

Die Kirchentagslosung stammt aus dem 19. Kapitel des Johannes-Evangeliums: Jesus ist von der jüdischen Geistlichkeit der römischen Besatzungsmacht zur Tötung ausgeliefert worden. Die Soldaten mißhandeln ihn, drücken ihm eine Dornenkrone aufs Haupt und spotten: „Heil dir, König der Juden!“ Da kommt Pilatus, der römische Statthalter, und erklärt der Menge, er fände keine Schuld an dem Manne. Pilatus: „Da seht, welch ein Mensch (Ecce homo)!“ Der Evangelist: „Als ihn nun die Hohenpriester und Diener sahen, schrieen sie: Kreuzige, kreuzige!“

Diese Szene ist oft gemalt worden. Die Geschichte hat aber auch zur Begründung vieler Judenprogrome herhalten müssen. Nicht nur die Nationalsozialisten verteufelten die Juden als „Christusmörder“. Dabei wird, nach christlichem Verständnis, der Gottessohn jeden Tag gemordet: Überall, wo Menschen verhöhnt und gegeißelt werden, leidet und stirbt er mit.

Die Kirchentagsleitung bat die Künstlerin, allzu politische Anspielungen zu tilgen. Im zweiten Entwurf waren die Volkspolizisten und die Politiker verschwunden. Statt der Schwarzen lachte nun eine Weiße. Der orthodoxe Jude war in die rechte Seite des Kreuzes gerückt. Diese Version wurde gedruckt. Dann kamen der Kirchentagsleitung Bedenken, die jüdische Gemeinde könnte sich provoziert fühlen. Die Graphikerin wurde angewiesen, das Brustbild durch „jemand Positives“ (Pape) zu ersetzen. Wo der Betrachter vorher mit dem Anblick des orthodoxen Juden konfrontiert war, lachen ihn nun zwei Gesichter an. Als die Künstlerin ihr Werk in Ruhe betrachtete und all die netten Gesichter sah, merkte sie, daß der eigentliche Sinn ihres Plakats „flötengegangen“ war. In der Tat könnte mit dem Poster jede Sparkasse Kundenwerbung treiben. Daß Jesus gerade für die eingetreten ist, die wenig zu lachen haben, wird auf dem Lächler-Plakat nicht mehr deutlich. Verärgert, sich den Änderungen stets gebeugt zu haben, erklärte sie dem Evangelischen Pressedienst (epd), die Kirchentagslosung solle besser lauten: „Seht, welch ein netter Mensch!“

Carola Wolf von der Kirchentagsleitung sind die Vorwürfe der Graphikerin unverständlich. Man habe den jüdisch-christlichen Dialog nicht belasten wollen. Niemand habe verlangt, die Schwarze aus dem Plakat zu tilgen: „Wir werden einen Deibel tun, Negerinnen herauszunehmen.“ Niemand habe gesagt, „da sollen nette Menschen rein. Es wäre ja völlig idiotisch, wenn wir von Minderheiten reden und dann so tun, als ob wir eine heile Welt hätten. Da könnten wir unser ganzes Programm umstellen.“

Der Jude mit dem Davidstern ist jedenfalls nicht mehr auf dem Poster. Auf dem Frankfurter Kirchentag wird dennoch von der Unfähigkeit, mit ihm umzugehen, die Rede sein. Schließlich gibt es Bundesbürger, die die Judenvernichtung aus dem Geschichtsbild getilgt sehen möchten. Und Heinz Galinski, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, muß, mehr als vierzig Jahre nach dem Holocaust, unter Polizeischutz leben. Ernst Klee