Diese Person ist ein Ärgernis“, stellte Anfang der siebziger Jahre ein Bonner Politiker mißbilligend fest, als die evangelische Pastorin Dorothee Sölle das von ihr und einigen anderen protestantischen Geistlichen entwickelte „Politische Nachtgebet“ in einer Kölner Kirche einführte und damit insbesondere bei jungen Leuten so viel Anklang fand, daß die Teilnehmer an diesem Gottesdienst wegen Überfüllung der Kirche häufig bis auf die Straße hinaus standen. Und ein Ärgernis ist Dorothee Sölle für viele bis heute geblieben.

Die 57jährige verheiratete Theologin, die außer Theologie auch Philosophie und Literaturwissenschaft studiert hat, lehrt heute als Professorin wechselweise in Hamburg und in den USA. Sie ist in der Frauen- wie in der Friedensbewegung engagiert und gehört neben Helmut Gollwitzer und Heinrich Albertz zu den Exponenten des „linken Flügels“ der evangelischen Kirche in der Bundesrepublik.

Ihr neues Buch „Ein Volk ohne Vision geht zugrunde“ ist gleichzeitig Warnung und Appell zu politischem Handeln. Ihren Aufruf zu politischem Handeln begründet sie jedoch erst in zweiter Linie aus der politischen Situation, in erster Linie aus biblischen Texten heraus. So entstammt der Titel ihres Buches den Sprüchen Salomos. Und jedem der sieben Kapitel steht ein Bibelwort voran.

Die Verfasserin gehört zu jenen evangelischen Geistlichen, die in der Bergpredigt nicht nur Zusagen Gottes für das ewige Leben, sondern konkrete Gebote zum Handeln im Diesseits sehen. Und die von vielen Politikern wie auch manchen Pastoren vertretene These, Aufgabe der Kirche sei es – wenn schon nicht ausschließlich so doch vor allem – sich um das Jenseits und nicht so sehr um das Diesseits zu kümmern, macht sie zornig.

Die Vision, die Dorothee Sölle von ihren Mitbürgern fordert, ist die „Vorstellung von einem Land, in dem es leichter wäre, gut zu sein“. Ohne eine solche Vision versinkt ein Volk nach ihrer Ansicht in der Mittelmäßigkeit, erstickt im Materialismus und setzt damit nicht nur seine politische Zukunft aufs Spiel, sondern verstößt gleichzeitig auch gegen die Gebote der christlichen Religion.

Gegen das wichtige Gebot der Nächsten- und Feindesliebe dieser Religion haben die Deutschen in ihrer jüngsten Vergangenheit in besonders übler Weise verstoßen. Deshalb sind sie nach Ansicht der Autorin auch in besonderem Maße gehalten, eine dem christlichen Glauben entsprechende Vision zu entwickeln und sich um ihre Verwirklichung zu bemühen. Und die Teilung Deutschlands verpflichtet sie nicht so sehr zum Kampf um eine politische Korrektur der bestehenden Situation wie vielmehr vor allem zur Veränderung dessen, was diese Situation herbeigeführt hat.

Der zentrale Inhalt der Vision, die ihr vor diesem Hintergrunde vorschwebt, ist die Abkehr von der Gewalt, weil die von uns ausgegangene Gewalt so unendliche Leiden für viele Menschen – auch für die Deutschen selbst – verursacht hat. Und um zu einer solchen Vision zu kommen, dürfen wir das, was damals geschehen ist, unter keinen Umständen vergessen. Auch eine Ablehnung der Verantwortung dafür, etwa aufgrund einer „Gnade der späten Geburt“, lehnt sie kategorisch ab, auch dies wieder unter Berufung auf einen Text aus den Sprüchen Salomos, der lautet: „Sag nicht, wir haben davon doch nichts gewußt! Wird der, der die Herzen prüft, dich nicht durchschauen?“