Von Dietrich Strothmann

Lang ist’s her – da trug der Libanon den Beinamen "Schweiz des Orients". Es war schon damals eine Täuschung, ein Bild des schönen Scheins. Die wenigen Reichen, die sich an den Swimmingpools der Beiruter Luxushotels sonnten und die Nächte am Roulettisch verbrachten, die arabischen Ölmillionäre und westlichen Wohlstandstouristen ließen vergessen, wie arm die meisten Libanesen waren, wie bitter ihr Leben war.

Die Christen gaben damals den Ton an, gestützt seit 1943 von den Franzosen, auch wenn sie längst in der Minderheit waren. Sie wären die Reichen. Die Armen, die die Mehrheit bildeten, in den Vorstädten, den Slums und in den Dörfern, waren die Moslems. Der Libanon war bis zum Einfall der Palästinenser nach 1970 ein Kunststaat, notdürftig zusammengehalten, gegen ausländische Bedrohung beschützt durch westliche Intervention (wie 1958 gegen die Syrer mit Hilfe der US-Marine). Länger konnte er nicht in seiner Traumwelt leben.

Erst brachten Zehntausende aus Jordanien in den neutralen Libanon flüchtende Palästinenser das künstliche Gleichgewicht durcheinander. Vornehmlich im Süden, dann aber auch in Beirut selber etablierten Arafats Gefolgsmänner einen Staat im Staate. Sie nutzten libanesisches Territorium als Sprungbrett für ihren Kleinkrieg gegen Israel, terrorisierten gleichzeitig aber auch die Bevölkerung, die ihnen Gastrecht gewährte. Und damit fing das Elend des Libanon an – der Bürgerkrieg, der nun bereits zwölf Jahre andauert, der zum Kampf der Christen gegen die Moslems führte, zur Teilbesetzung durch Syrien und Israel und schließlich zum Kampf aller gegen alle, zum völligen Zusammenbruch jeder staatlichen Autorität. Der Libanon heute ist nur ein anderes Wort für Anarchie.

Gestern waren sie noch Verbündete: Die Drusen des Walid Dschumblat und die Schiiten der "Amal" (Hoffnung) des Nabi Bern, beide Minister im Kabinett von Staatspräsident Amin Gemayel, und vereint im Versuch, die Wiederbegründung eines PLO-Staates im libanesischen Süden zu verhindern. Heute lassen sie aufeinander schießen, spielt der eine gegen den andern die inzwischen wieder erstarkten palästinensischen Kampfverbände aus. Gestern galten sie als Verschworene: die christlichen Maroniten mit ihrer Miliz "Libanesische Streitkräfte" und die Israelis, vereint im Kampf gegen die palästinensischen Eindringlinge. Heute lassen die Christen die 1983 aus dem Lande gejagten Arafat-Anhänger im Libanon wieder Fuß fassen, versorgen sie mit Waffen und setzen sie im Konflikt gegen die Syrer und die schiitische "Amal" ein.

Gestern bildeten sie eine geschlossene Phalanx wider Palästinenser und Christen: die von Arafat abgefallenen PLO-Kader und ihre syrischen Schutzherren. Heute stehen sie im dritten "Lagerkrieg" der pro-syrischen Berri-Truppen gegen die palästinensischen Flüchtlingscamps in Beirut, Sidon und Tyros wieder auf seiten der Getreuen Jassir Arafats, dem Damaskus vor drei Jahren den Laufpaß gegeben hatte.

Gestern waren die Schiiten noch eine geschlossene Kampfgemeinschaft; heute legen pro-iranische Gotteskrieger der "Hisbollah" auf Milizionäre der "Amal" an. Gestern bildeten die Christen noch eine festgefügte Gruppe; heute stehen Brigaden innerhalb der "Libanesischen Streitkräfte" gegeneinander, die einen auf Seiten des Syrers Assad, die anderen auf seiten des Libanesen Gemayel. Wer heute Geld braucht, erhebt eigene Steuern in eigenen Häfen, an eigenen Straßenkontrollen; wer privat Rache nehmen will, legt Bomben, mordet, entführt; wer im Ausland Terroranschläge verübt und dort dafür hinter Gitter kommt, läßt Angehörige der betroffenen Staaten in Beirut als Geiseln kidnappen – wie Ende letzten Jahres die Familie Abdallah französische Bürger oder letzte Woche die Familie Hamadei deutsche Besucher.