Streitigkeiten unter den Gesellschaftern führten das Traditionsunternehmen in den Vergleich

Das Aus kam im 98. Jahr der Firmengeschichte. Wenn im März 1989 eines der traditionsreichsten deutschen Familienunternehmen das hundertjährige Jubiläum feiert, dann wird die Familie wohl nur noch unter den Zaungästen sein: Bleyle, das renommierte schwäbische Strickwarenunternehmen, hat nur eine Überlebenschance ohne die Familie Bleyle.

Am 22. Januar mußte das Unternehmen den Gang zum Vergleichsrichter antreten. Seither wird das Unternehmen vom Vergleichsverwalter, dem angesehenen Insolvenzspezialisten und Firmensanierer Volker Grob, geführt – das Regime des Bleyle-Clans ist damit beendet.

Der Marsch zum Amtsgericht war der bisherige Höhepunkt einer langandauernden Krise, die schon seit Beginn der achtziger Jahre schwelt. Nur das grundsolide Markenimage von Bleyle und das Vertrauen der Banken in den schwäbischen Familienclan brachten das Unternehmen noch über die Zeit. Doch die dreizehn Kreditinstitute, erst im Frühjahr 1986 zu einem Pool unter der Führung der Dresdner Bank vereint, zogen nun den Schlußstrich.

Das Unternehmen, das in den Jahren 1985 und 1986 – einschließlich nicht gebildeter Pensionsrückstellungen – an die siebzig Millionen Mark Verlust anhäufte, konnte bei den Banken auf stets großzügige Kreditzusagen setzen – bis zu hundert Millionen Mark. Erst im vergangenen Jahr, als die Krise nicht mehr zu übersehen war, sicherten sich die Geldinstitute ab – sie ließen sich die Grundstücke, Forderungen, Bestände und Beteiligungen übertragen. Erst vor zwei Wochen merkten sie, daß sie auf Sand gebaut haben könnten.

Zwar wurden 1986 die zahllosen Tochter- und Betriebsgesellschaften sowie eine Vermögensverwaltungsgesellschaft, der sämtliche Grundstücke gehörten, in die Wilhelm Bleyle KG und damit unter ein Dach gebracht. Doch an der Neuordnung entzündete sich eine der häufigen Streitereien unter der rund vierzigköpfigen Nachkommenschaft des Familiengründers Wilhelm Bleyle. Eine der Erbinnen, Rosemarie Riemke, verweigerte ihre Unterschrift – demnächst muß der Bundesgerichtshof den Zwist beilegen. Da indes ungewiß ist, wie die obersten Bundesrichter entscheiden, in welcher Rechtsform also sich das Unternehmen künftig befindet, ist es derzeit auch um die Sicherheiten der Banken schlecht bestellt: In Sorge um ihr Geld traten sie die Flucht nach vorn an und sperrten Konten und Kredite. Das Unternehmen war damit handlungsunfähig.

Der Schritt der Banken, aus ihrer Sicht verständlich, kam für die Firma zu einem unglücklichen Zeitpunkt. So jedenfalls sehen es Management und Belegschaft. Denn in diesem Jahr sollten ein rigoroses Sanierungskonzept und eine neue Kollektion endlich durchschlagende Erfolge bringen. Im Frühjahr vergangenen Jahres war erstmals ein Sanierungskonzept vorgelegt worden – von einem familienfremden Management, was es bis dahin in drei Bleyle-Generationen nicht gegeben hatte. Im Herbst 1985 hatte Hans Dieter Steinke, zuvor als Sanierer bei der Münchner Edelmarkenfirma Etienne Aigner tätig, die Geschäftsführung übernommen. Im Frühjahr 1986 setzten die Banken ihm Hans Börger als Finanzchef zur Seite, der sich als Retter der Uhrenfabrik Kienzle einen Namen gemacht hatte.