Von Gunter Hofmann

Bonn, Ende Januar

Das wird so recht nach dem Herzen von Willy Brandt gewesen sein, dem 73jährigen SPD-Vorsitzenden: Wie Oskar Lafontaine, der Selbstbewußte von der Saar, einfach aus dem Schatten heraustritt und am Tag nach der Wahl einer Journalistenschar in Bonn erzählt, wo es seiner Meinung nach mit der SPD in den kommenden Jahren langgehen solle. Was er zu der Vorstellung Lafontaines sage, wurde Brandt ein paar Stunden später gefragt. Er sei nicht dabeigewesen, erwiderte er, aber er sei sicher, Lafontaine habe bestimmt "was Gescheites" zu sagen gehabt.

Zu sagen hatte der "Saarländer", wie Brandt ihn gerne nennt, jedenfalls eine Menge. Auftrieb also in der kleinen, saarländischen Landesvertretung am Montag, 12 Uhr mittags: Schon Tage vorher hatte der saarländische Ministerpräsident dazu eingeladen "auf Grund zahlreicher Anfragen, die individuell nicht befriedigt werden können".

Der ungewöhnliche Auftritt war durchaus geplant. So häufig geschieht das ja nicht, daß einer aus dem Parteivorstand, zwei Stunden bevor dieses Gremium zusammentritt, um das Wahlergebnis – eine herbe, aber die SPD nicht völlig entmutigende Schlappe mit 37 Prozent – zu debattieren, sich selber öffentlich derart in Szene setzt.

Johannes Rau, Kandidat bis zum Wahltag, wußte vorher davon. Jochen Vogel, der sich im Parteikreis offen darüber ärgerte, aber nicht. Rau wußte auch, was Lafontaine sagen wollte. Bei den Linken aus der Parteispitze war der Saarländer kurz vorher aufgetaucht. Mit einigen der Enkel, die in die Parteispitze hineinwachsen sollen, hält er Kontakt – um eine saarländische Solonummer auf Bonner Boden handelte es sich demnach nicht. Die Botschaft hieß, etwas verkürzt: Oskar Lafontaine tritt an. Über die Nachfolge Willy Brandts wollte er zwar nicht sprechen, aber der Auftritt war so zu verstehen, daß er genau daran denkt.

Bevor irgendjemand Brandt demontieren oder Rau rügen und vielleicht gar einen anderen denkbaren Nachfolger für den Parteivorsitz proklamieren konnte, wollte Oskar .Lafontaine offenkundig zur Stelle sein. Damit ist noch nicht endgültig entschieden, wer im Jahr 1988 einmal Brandt nachfolgt. Aber sicher kann man sein, daß Brandt den Saarländer gerne in diesem Amt sähe. Die Vorentscheidung wird allenfalls zwischen ihm und Hans-Jochen. Vogel fallen. Keineswegs steht die "Linke" wie ein Block hinter Lafontaine, viele halten Vogel für den Genossen, der allein nach Brandt den Laden zusammenhalten könnte. Sie wünschen sich Lafontaine als Parteistellvertreter, der dann allerdings, wie Rau jetzt, auch als Kanzlerkandidat ins Rennen gehen müßte.