Weil eine Wochenzeitschrift Enthüllungen über den geplanten englischen Spionagesatelliten veröffentlichte, schickte die Regierung Thatcher die Polizei in Redaktionsräume.

Die Regierung Thatcher hatte zunächst ein Bild der Inkompetenz oder zumindest der völligen Verwirrung geboten: beflügelt zwar, wie sooft, vom fast paranoiden Wunsch, ein Geheimnis zu bewahren, aber unfähig zu rechtzeitiger Aktion. Nur der letzthin spürbar ängstlicher gewordenen BBC hatte man gerade noch die Ausstrahlung eines längeren Filmberichts ausreden können. Das Wochenmagazin New Statesman aber konnte letzte Woche unbehelligt die Absicht Londons enthüllen, sich einen eigenen Spionagesatelliten zuzulegen und ihn im nächsten Jahr über der Sowjetunion in Position zu bringen. Dabei sei, so der Vorwurf der Zeitschrift, das britische Parlament von der Regierung bewußt hinters Licht geführt und nicht, wie es sich gehört hätte, über das 1,5-Milliaraen-Mark-Projekt informiert worden.

Erst einmal schien die ganze Angelegenheit zur Farce zu geraten. Der Sprecher des Unterhauses glaubte, der Regierung beispringen zu müssen und verbot eine von wissenshungrigen Labour-Abgeordneten organisierte Vorführung des zensierten BBC-Films in den Räumen von Westminster; währenddessen wurden den Büros der Parlamentarier Abschriften des Manuskriptes zugestellt. Mit einstweiligen Verfügungen drohte der Generalstaatsanwalt den Chefredakteuren der englischen Zeitungen, deren Blätter dank des New Statesman ihren Leser längst ausführlich das Satelliten-Projekt hatten erläutern können.

Dann aber schlug die Regierung um so härter zurück. Geheimpolizei durchsuchte am Wochenende stundenlang die Redaktionsräume des Wochenmagazins und ließ einige Aktenordner an Unterlagen mitgehen; andere Beamte der Special Brandt suchten die Wohnung des BBC- und New Statesman-Autoren Duncan Campbell heim.

Angesichts dieses für Großbritannien bisher einmaligen Übergriffes staatlicher Gewalt gegen ein Presseorgan schlugen Abgeordnete der Oppositionsparteien und einige Zeitungen Alarm. Der liberale Guardian („Wir leben nicht in Südafrika oder Osteuropa“) sprach von rücksichtslosen und völlig ungerechtfertigten Methoden. Margaret Thatcher rechtfertigte in einer hitzigen Unterhausdebatte das Vorgenen: Hier hätten linke Publikationsorgane um des persönlichen Gewinns willen wichtige Staatsgeheimnisse preisgegeben.

Zweifel an der Regierungsversion sind mehr als angebracht. Campbell hat überwiegend aus öffentlich zugänglichen Quellen schöpfen können, zum Beispiel stolzen Hochglanzprospekten des Rüstungs- und Technologiekonzerns British Aerospace, in denen sogar die geplante Position des Satelliten über der Sowjetunion exakt wiedergegeben war. Die Regierung wußte schon seit vier Monaten von dem BBC-Filmprojekt. Hohe Beamte und frühere Staatssekretäre des Verteidigungsministeriums hatten sich vor der Fernsehkamera interviewen lassen; sogar ein Minister des Thatcher-Kabinetts soll den BBC-Leuten gerne Auskunft gegeben haben.

Über der New Statesman-Affäre droht der strategisch-politische Kern der Satellitenentscheidung übersehen zu werden. Ausgerechnet die sonst so pro-amerikanische Regierung Thatcher ist dabei, einen geradezu neo-gaullistischen Kurs einzuschlagen: Sie will die britische Abhängigkeit von amerikanischer Nachrichten-Technologie beenden, zumindest verringern. Höchst befremdet haben die Amerikaner angeblich reagiert, als sie über das Londoner Satellitenprojekt informiert wurden.