Von Viola Roggenkamp

Es ist kurz vor 19 Uhr. Der Saal füllt sich. Heute ist Anliegerversammlung im Gasthaus "Zur schönen Aussicht". Die Wirtin kommt und sieht nach dem Kaminfeuer. Die Tochter der Wirtin kommt und nimmt die Bestellungen entgegen: Bier für die Männer, Kaffee oder auch gar nichts für die Frauen.

Man sitzt Familie für Familie an den Tischen und steckt die Köpfe zusammen. Nur wenige Worte aus dem sanft anschwellenden, allgemeinen Getuschel sind zu verstehen. "Erst mal abwarten, was sie vorhat." – "Wenn sie ..." – "Ich laß mir von ihr nicht..." – "Sie soll mir erst mal ..." – Da kommt sie:

Fast unbemerkt von den versammelten Bürgern betritt Brunhild Wendel den Raum. Eine Frau um die Sechzig, von schwerer Gestalt. Sie bleibt hier und da auf ihrem Weg stehen, begrüßt die eine und den anderen und erreicht schließlich ihren Platz, den Vorsitz.

Dort angekommen, richtet sie sich ein, zieht die Kostümjacke aus, kramt in ihrer Handtasche, holt Feuerzeug und Zigarettenschachtel hervor und zündet sich erst mal eine an; dabei erhebt sie sich. Die Augen kneift sie leicht zusammen und überblickt den Raum. Dazu drückt sie ihren runden Kopf in den Nacken, als lehnte sie sich ans eigene Rückgrat. Dann nimmt sie einen tiefen Zug und sagt mit kaum erhobener, etwas heiserer Stimme, die bis in den hintersten Winkel einer preußischen Kadettenanstalt reichen würde: "Nu rickt ma alle ’n bißchen näher, sonst muß ich so laut schrei’n."

Über Brunhild Wendel gibt es viele Geschichten. Die bekannteste geht so: Da steht jemand neben ihr und redet sie mit "Frau Bürgermeister" an. Und ein anderer Mann wendet sich ihr zu und sagt ganz selbstverständlich: "Ach, Sie sind die Frau vom Bürgermeister?" – "Nein", antwortet Brunhild Wendel, "mein Mann ist Lehrer, Bürgermeister bin ich."

Sie ist es seit über 20 Jahren, Bürgermeisterin der schleswig-holsteinischen Gemeinde Schacht-Audorf im Kreis Rendsburg-Eckernförde, und zur Zeit ist sie die dienstälteste Bürgermeisterin in der Bundesrepublik.