Von Manfred Sack

Wer mochte dahinterstecken? Eine Architektensekte? Renegaten aus den Bau- und Planungsdezernaten? Ein heilloser Idealist, der sich an die Bürger verschwendet?

Das ungefähr zweieinhalb mal dreieinhalb Meter große Plakat war unübersehbar und offenkundig selbstgemacht. Es klebte unweit der Alten Oper an einer jener Holzwände, die für derlei riesige Anschläge aufgestellt worden sind, und machte zwischen Kölnisch Wasser und Mietautos Reklame für die Korrektur des Stadtbildes. Wie seltsam.

Die Überschrift hieß: "Ein Tor zu Frankfurts Innenstadt". Man sah die scharfe Kante des BfG-Hochhauses aufragen, symmetrisch flankiert von zwei kleineren, aber einander gleichenden Hochhäusern, die mit ihren Stufenpyramiden-Dächern und mit den Fahnenstangen bekanntgaben, daß die Brücke, deren Kopf sie bilden, hier mitten . hinein in die City führt. Das linke Haus gab es schon, wenngleich mit sachlicheren Zügen, das rechte wollte der unbekannte Plakatautor genauso hoch und ganz ähnlich errichtet sehen: Türme wie die eines Tores. Um gleich dem standesgesetzlichen Verbot der Selbstreklame zu entgehen, hatte er seinen Appell nicht unterzeichnet, sondern gutmütig in eine Offerte für seinen Stand umgemünzt: In ein poststempelartiges Signet setzte er die Losung "do it with an architect", baut mit Architekten!

Neue Gebäude, so schrieb der unbekannte Kämpfer um ein schöneres Frankfurt am Main da, müßten so entworfen und so angeordnet werden, daß sie Räume bilden, "in und mit denen das Stadtleben zum Stadterlebnis" werde. Die Geschichte beweise doch, "daß erst die bewußt geplanten Stadträume, Stadtzeichen und -symbole die räumliche Ablesbarkeit und damit das Erleben der Stadt als ein ‚zu Hause‘ ermöglichen". Die Gelegenheit, die die Stadtplaner damals, 1980, zu verpassen sich längst angeschickt hatten, stellte der Plakatierer in seiner riesigen Zeichnung dar: nämlich die unwiederholbare Chance zu nutzen, den "Kopf" der Untermainbrücke so auszubilden, daß Autofahrer wie Fußgänger den Eindruck hätten, "ein Tor zu Frankfurts Innenstadt" zu passieren. Es hätte "der Anfang einer Neubelebung alter städtebaulicher Qualitäten, ein Anfang neuen Erlebens der Stadt" sein können.

Der Unbekannte, der sich diesen philanthropisch-ästhetischen Zwischenruf mehr Geld hatte kosten lassen, als er sich eigentlich hatte leisten können, hieß Christoph Mäckler. Er hatte gerade sein Diplom als Architekt erworben und in Frankfurt mutig ein eigenes Büro eröffnet. Sein Habitus läßt nicht gerade einen Aufrührer vermuten: groß von Gestalt, die Kleidung von zurückhaltender, leicht lässiger Eleganz mit Schlips und Schal, auf der Nase eine randlose Brille mit den in seinem Beruf beliebten kreisrunden Gläsern. Er ist im Wesen eher ein nüchterner, moralisch geprägter Mann als ein Heißsporn, geschweige denn ein Eiferer – jedoch, wie sich immer mehr herausstellte, ein Verantwortung für seine Stadt empfindender Mann. Er hat in den vergangenen sechs Jahren mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit und ganz gelassen eine Idee nach der anderen zu ihrer Verbesserung ausgearbeitet. Inzwischen hält er seine "Frankfurt-Projekt" genannte Denkübung für einigermaßen abgeschlossen.

Lärm schlägt damit jetzt aber nicht er, sondern das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt. Es benutzt die Gelegenheit, gleich auch auf den ebenso jungen und ebenso handelnden Münchener Architekten Stephan Braunfels hinzuweisen, der mit seinen Gegenentwürfen gegen die verheerenden Staatskanzlei-Pläne des bayerischen Ministerpräsidenten am reizbaren Hofgarten revoltiert und damit viel Aufsehen erregt, das heißt auch säckeweise Sand ins Planungsgetriebe geschüttet hat. Das war so hinderlich und hat so laut geknirscht, daß nicht nur aufgebrachte Bürger, sondern auch die Stadt München seither unentwegt neu darüber nachdenkt, hoffend, die Staatsregierung in ihrer cäsarenhaften Sturheit doch noch zu erschüttern: mit immer überzeugenderen Vorschlägen. Wir haben des öfteren darüber berichtet.