Kurt Masur, der Hausherr mit der langen alten Amtsbezeichnung Gewandhauskapellmeister, wünschte sich und dem traditionsreichen Orchester "einen Saal, der den heutigen Anforderungen entspricht und die Wiedergabe von musikalischen Einfällen der immer kühner werdenden Komponisten auch in den nächsten fünfzig bis einhundert Jahren erlaubt". Selbst wenn die Erwartungen des Dirigenten das Abenteuer streifen: Er bekam den Saal. Wie er, genauer, wie das Neue Gewandhaus zu Leipzig entstanden ist, hat nun sein schreibgewandter Architekt, der Leipziger Professor Rudolf Skoda, in einem nicht nur reich, sondern geradezu spannend bebilderten Buch so gründlich, so umfassend, dabei ganz unerwartet unterhaltsam beschrieben, daß es unerläßlich ist, darauf aufmerksam zu machen: auf das Musterbeispiel einer gar nicht langatmigen, für Bau- und Musikfachleute, Konzertbesucher und geschichtsneugierige Leipzig-Freunde gleichermaßen aufschlußreichen Sonographie. Der erste Teil erzählt die ganze Historie der Institution, zuerst im Messehaus der Tuch- und Wollfabrikanten, dann im berühmten, 1944 zerstörten, 1968 abgerissenen Neuen Concerthaus, den Zwischenstationen des Orchesters. Der zweite Teil berichtet über Konzeption und Vorstudien, Entwurf und Bau, Bedingungen, Probleme und Überraschungen des Neuen Gewandhauses, aber auch über das eigenartige, spannungsreiche Bündnis zwischen Musik und bildender Kunst. Im dritten Teil vergleicht der wunderbarerweise auch in der deutschen Sprache bewanderte Autor die wichtigsten Konzertsäle der Welt miteinander und zieht den nicht wenig stolzen Schluß, daß es in diesem schönen, sympathischen, unübersehbar mit Scharouns Philharmonie verwandten Saal "eine Freude ist, zu musizieren, und auch ein außerordentliches Vergnügen ist, Musik zu hören". Wie zum Nachtisch wird eine alte Delikatesse gereicht, der vollständige Reprint des Berichts über das alte Gewandhaus der Architekten Martin Gropius und Heinrich Schmieden von 1887 – und mit den allerschönsten Illustrationen. (Rudolf Skoda: "Das Gewandhaus Leipzig – Geschichte und Gegenwart"; Verlag Ernst & Sohn, Berlin 1986, 220 S., Abb., 98,– DM) Manfred Sack