Für einen Moment könnte man meinen, das versammelte Volk feiere einen neuen Kanzler. Da steht er in gleißendem Licht, auf erhöhtem Podest. Unten jubeln die „Massen“, nun reißt er die Arme hoch, strahlt: Otto Schily in Siegerpose, ganz ungewohnt emotional.

2000 Menschen passen in die „Biskuithalle“, einst Kachel-, jetzt Kulturfabrik mitten im Bonner Industrie-Norden. Weit mehr drängeln sich zwischen Fernsehern und improvisierten Rundfunk- und TV-Studios. Es ist heiß, stickig, und nichts ist zu verstehen. Nur am aufbrausenden Jubel ist der Inhalt der Trendmeldungen am frühen Wahlabend zu erahnen: Verluste für die CDU, Gewinne für die Grünen. Pfeifen und Stöhnen gelten den Erfolgsmeldungen für die FDP.

Enthusiastisch gefeiert wird auch die prominente Fundamentalistin Jutta Ditfurth. Bei über acht Prozent liegen sich an diesem Abend auch die Extreme in den Armen, über alle Strömungen und Flügel hinweg knallt der Korken einer Flasche „Fürst Metternich“-Magnum. Die Prominenz aus Partei und Fraktion stößt an, die Basis fordert: „Sekt für alle!“ – und wird sogleich bedient, mit der Hausmarke „Biskuithalle“. Draußen warten immer noch Pulks von Menschen, die den großen Grünen-Sieg mitfeiern wollen.

Als am 14. Januar 1980 in der überfüllten Karlsruher Stadthalle 1004 Delegierte „Die Grünen“ gründeten, befand der Sozialdemokrat Egon Bahr kurz und knapp: „Zum Scheitern verurteilt“. Seit Sonntag ist die Hoffnung der Alt-Parteien, daß es sich bei den Grünen nur um ein flüchtiges Gespenst handle, endgültig zerschlagen: Sie haben sich einen festen Platz erobert, das Dreiparteiensystem ist-Geschichte. Von allen Parteien haben sie die meisten Stimmen – gut 950 000 – und mit 16 auch die meisten Mandate hinzugewonnen. Im alternativ geprägten Tübingen kamen sie auf 25 Prozent, in München verdoppelten sie ihren Anteil auf 13,4 Prozent, und selbst im schwarzen Passau brachten sie es auf 5,9 Prozent.

Für ihren Bundestagswahlkampf unter dem Motto „Farbe bekennen“ haben sie nur rund fünf Millionen Mark aufgewendet. Nahezu ganz verzichtet haben sie darauf, die Wähler mit plakatierten Köpfen grüner Spitzenkandidaten zu belästigen. Wenn unter dem Stichwort „Winterzauber“ ihre Stars redeten, Rio Reiser oder Ina Deter musizierten, waren die Säle voll – obgleich 18 Mark Eintritt verlangt wurden. Ihnen sind nicht nur ihre Wählerinnen und Wähler treu geblieben, ihnen gelang trotz vielfältiger Diffamierung und Diskriminierung mit 2,7 Prozent der größte Stimmengewinn aller Parteien. Nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis kamen sie auf 3 124 657 Stimmen: Das sind 8,3 Prozent.

Dabei sah es bis vor einem Jahr noch gar nicht rosig aus für die jüngste Partei im Bundestag. Nach kontinuierlichem Wachstum erlitten die Grünen erstmals im März 1985 bei der Landtagswahl im Saarland eine empfindliche Niederlage; Statt in den Landtag einzuziehen, schrumpfte ihr Stimmenanteil von 2,9 auf 2,6 Prozent zurück; Oskar Lafontaine konnte die absolute Mehrheit für die SPD erringen. Zwei Monate später verfehlten sie auch bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen mit 4,6 Prozent den Einzug ins Parlament.

Otto Schily; der jetzt in Düsseldorf beachtliche 10,8 Prozent der Erststimmen erringen konnte, erinnert sich: „In NRW haben wir damals einen Wahlkampf gegen uns selbst geführt, das war im Grunde eine selbstgestrickte Niederlage mit diesem grauenvollen Päderastiebeschluß.“ Die Landesdelegiertenkonferenz hatte ein Wahlkampfprogramm beschlossen, in dem unter anderem Straffreiheit für „gewaltfreie sexuelle Beziehungen“ zwischen Erwachsenen und Kindern unter 14 Jahren gefordert wurde. Nach wilden Protesten strichen die Grünen (bei denen gleichzeitig Feministinnen den sexuellen Mißbrauch von Mädchen anprangern) diesen Punkt zwar umgehend aus dem Wahlprogramm – doch es war schon zu spät: Da zur gleichen Zeit ein nordrhein-westfälischer Grüner wegen Vergewaltigung eines zweieinhalbjährigen Mädchens verhaftet worden war, ließ sich der ramponierte Ruf nicht mehr reparieren.