Von Barbara Ungeheuer

Der Machtwechsel beim Magazin New Yorker ist Stadtgespräch. Noch nie zuvor haben sich so viele amerikanische Schriftsteller innerhalb einer Woche zum selben Thema zu Wort gemeldet. Selbst ein Autor wie J. D. Salinger ("Catcher in the rye"), aus dessen Feder seit 27 Jahren keine veröffentlichte Zeile mehr geflossen war, gab seine Einsiedelei auf, um zu protestieren.

Im New Yorker Metropolitan Club, wo die Literaten sonst lieber über ihre Buchvorschüsse und Auflagenzahlen miteinander reden, ging es während der letzten zwei Wochen nur um die Auseinandersetzungen bei dem seit 62 Jahren für Qualität bürgenden Blatt. James Thurber, Vladimir Nabakov, John O’Hara, John Cheever, James Baldwin und John Updike sind nur einige der Namen auf der langen Autorenliste, die diesem literarischen Magazin seine Sonderstellung im amerikanischen Journalismus garantieren.

Als unerhört empfand man daher die Chuzpe, mit der der neue Besitzer des Blattes, Samuel I. Newhouse, an dem Aushängeschild zu rütteln wagte. Er hatte nicht nur die Pensionierung des 79jährigen und seit über drei Jahrzehnten waltenden Chefredakteurs William Shawn um ein paar Monate vorgezogen. Schlimmer noch, er erlaubte sich die Ungeheuerlichkeit, den Posten mit einem Außenseiter zu besetzen. Robert Gottlieb, Chef des angesehenen Alfred Knopf Verlages, soll vom 1. März an die Leitung des New Yorker übernehmen.

Die Furcht vor Veränderungen in der bisher so unkonventionell geführten Redaktion (die Schreiber beziehen kein Gehalt, buchen aber vom Konto, das ihnen Shawn eingerichtet hat, ab, auch wenn sie jahrelang nicht produzieren) begann sich unter den Mitarbeitern bereits vor zwei Jahren zu regen, als der Großverleger Newhouse den New Yorker ("Mein Kronjuwel") für 168 Millionen Dollar seinem Conde Nast-Imperium (Vogue, Gourmet, House and Garden etc.) einverleibte. Und nun dieser Wechsel! Ist der Sohn also doch wie der Vater, über den A. J. Liebling einst im New Yorker geschrieben hatte: "Er ist ein Lumpensammler von zweitklassigen Blättern, ein Mann, der keine politischen Ideen, sondern nur wirtschaftliche Überzeugungen hat."

Jonathan Schell (Umwelt- und Nuklearspezialist des Hauses), Calvin Trillin (Humorist und Erwanderer der amerikanischen Provinz) sowie die Poeten und Cartoonisten des Blattes verließen in Windeseile die vertrauten Arbeitsnischen auf dem Lande und erschienen ganz plötzlich, en masse, an ihrem sonst nur selten besuchten Arbeitsplatz an Manhattans 43. Straße. Ihre Protestversammlung sollte den vom Verleger vollzogenen Staatsstreich rückgängig machen. Ein Brief, selbstverständlich die etablierten Stilnormen des Hauses achtend, wurde formuliert und von 154 Mitarbeitern unterschrieben. Darin hieß es: "Die Vormachtstellung des New Yorker wurde nicht auf dem im Verlagswesen sonst üblichen Weg erreicht. Es ist daher unsere vielleicht seltsam anmutende, aber dennoch übermächtige Überzeugung, daß allein von einem altvertrauten Redaktionsmitglied erwartet werden kann, daß es die Kontinuität, unseren Zusammenhalt und unsere Unabhängigkeit zu garantieren vermag. So bitten wir Robert Gottlieb, gegen den wir persönlich nichts einzuwenden haben, daß er den Posten ablehnt."

Im Algonquin Hotel, wo einst der Gründer des New Yorker, Harold Ross, seine berühmten Tischrundengespräche führte, nahm Mr. Shawn vor der versammelten Presse Gottliebs Weigerung entgegen, dem Wunsch der Redaktion nachzukommen. Der 53jährige Redakteur, der selbst bei den protestierenden Autoren als der brillanteste Verleger des Landes gilt, hob den Fehdehandschuh mit Gelassenheit auf. "Ich verstehe Ihre Gefühle und kann sie beinahe nachempfinden. Dennoch beabsichtige ich, meinen neuen Job so bald wie möglich anzutreten", lautete seine Antwort. Und vor den Fernsehkameras sagte er: "Ich bin kein Barbar."