Von Christian R. Weisbach

Es gibt in der menschlichen Sprache nichts Selbstverständlicheres als das Fragen. Kinder können fragen, ohne sich dabei anstrengen zu müssen, ohne es besonders zu lernen. Fragen ist wichtig, um Wissen zu erlangen, Kontakt herzustellen, Interessen an anderen zu zeigen, zu prüfen und zu kontrollieren. Gefragt wird aber auch, um fehlendes Wissen zu verbergen, Kontakt zu vermeiden oder Kontrolle und Prüfungen zu umgehen.

Die Frage ist alltäglicher und selbstverständlicher Sprachgebrauch, sie zeigt sich in den harmlosesten Gewändern: „Man wird doch wohl noch fragen dürfen“, oder „Fragen kostet nichts“, oder „Wer viel fragt, weiß viel und kriegt viel Antwort“.

Im folgenden geht es um das Fragen und seine Wirkungen in Gespräch und Therapie. Vorangestellt sei die These, daß die landläufigen Fragen – meist als Anfragen unkompliziert gestellt – ein zweifelhaftes Mittel gesprächshafter Auseinandersetzung darstellen und im Rahmen von Beratung und Therapie sogar die vielbeschworene „Hilfe zur Selbsthilfe“ geradezu konterkarieren.

Die Frage wurde bisher in der sozialwissenschaftlichen Forschung wenig beachtet. Literatur- und Forschungssichtungen brachten – abgesehen von Lehrerfragen im Unterricht – spärliche Ergebnisse über den Einfluß der Fragen im Gespräch und in der Therapie. In der Literatur wird die Frage stark unter den Aspekten des „Bedrängens und Beschämens“ behandelt. Von Ausnahmen abgesehen, steht allerdings der Drang nach Wissen im Vordergrund, und die Wirkung auf den Befragten wird vernachlässigt. Der Mensch als animal querem cur, als Warum-fragendes-Wesen, bringt nicht nur oft den Befragten in Bedrängnis, seine Fragen können auch beschämen. Andererseits sagt das Sprichwort: „Wer sich des Fragens schämt, schämt sich des Lernens.“

Ist eine Frage eine Frage – ist eine Frage. Denn Fragen haben vielerlei Gestalten. Am einfachsten und sichersten zu erkennen sind sie durch ein Fragewort oder die Satzstellung. Aus Höflichkeitsgründen wird oft die imperative Form der Aufforderung in eine Frage gekleidet: „Könnten Sie mir bitte Feuer geben?“ Auch der Aussagesatz kann die Funktion einer Frage übernehmen: „Er kommt wirklich“ und „Er kommt wirklich?“ Le ton fait la musique – der Tonfall, die Melodie bestimmt den Sinn des Satzes. Der Ton der Stimme hebt sich am Ende zum sogenannten Steigton – und macht den Satz als Frage kenntlich.

Die Hebung bringt zum Ausdruck, daß der Sprecher eine Fortsetzung erwartet, die Antwort. Der Anstieg erzeugt Spannung im Gefragten und Fragenden. Solange eine Antwort ausbleibt, bleibt die erzeugte Spannung erhalten. Dieses Prinzip findet sich in ausgeprägter Form in der Musik wieder: Durch Tonanstieg in der melodischen Gestaltung wird im Hörer Spannung erzeugt, die erst durch den Nachsatz, die erwartete Tonsenkung, als Antwort gelöst wird.