Von Hans Jakob Ginsburg

Pieter Willem Botha schert sich immer weniger darum, wie sein Staat im Ausland beurteilt wird. Während seine schwarzen Feinde vom African National Congress (ANC) um diplomatische Terraingewinne in Amerika und Europa kämpfen, demonstriert Südafrikas Präsident seinen Mitbürgern, wie energisch und rücksichtslos seine Regierung dem vermeintlichen "Totalangriff" von Kommunisten, Terroristen und dekadenten Demokraten auf die Herrschaft der Weißen begegnet. Daß dabei außenpolitisch wie innenpolitisch Porzellan zerschlagen wird, stört Botha offenbar nicht mehr. Der Präsident der Südafrikanischen Republik handelt nicht als Staatsmann, sondern nur noch als Parteichef der burischen National Party. Seine Partei soll in ein paar Monaten die südafrikanischen Parlamentswahlen gewinnen; Wahlen selbstverständlich "nur für Weiße", und deshalb ist Botha jedes Mittel recht.

Viele Südafrikaner rätseln darüber, warum ihr Präsident das Parlament vorzeitig auflösen will, in dem seine Gefolgsleute über eine bequeme Zweidrittelmehrheit verfügen. Hinzu kommt, daß die Wähler der weißen Nationalisten die Folgen der internationalen Isolation ihres Staates und des Währungsverfalls für den eigenen Lebensstandard immer schmerzhafter zu spüren bekommen. Der 71jährige Botha läßt sich jedoch nicht beirren. Er will sein Haus bestellen, mit einem erneuten Mandat der südafrikanischen Weißen dem "Totalangriff" trotzen, die militärische schwarze Opposition zerschlagen und der Welt beweisen, daß Südafrikas Weiße bereit und gerüstet sind, ihre vor 300 Jahren begründete Herrschaft am Kap "noch drei Jahrhunderte zu verteidigen". Darum hat Botha alle Vorkehrungen getroffen, um vor dem Parlament in dieser Woche Neuwahlen auszurufen.

Den Wahlkampf führt Botha keineswegs um die Stimmen der aufgeklärten, liberalen oder einfach nur realistischen Weißen, die den Dialog mit der schwarzen Mehrheit suchen: Deren Progressive Federal Party, abgestempelt als Partei der Geschäftswelt und der englischsprachigen Minderheit, könnte bei den kommenden Wahlen ihre Stellung als stärkste Oppositionspartei leicht an die Ultrarechten verlieren, denen schon die übervorsichtigen Reformen Bothas stets viel zu weit gingen. Ihre Führer, der bigotte Pastor Andries Treurnicht und der wüste Faschistenchef Eugene Terre’Blanche, kämpfen gegen die Regierungspartei um die Stimmen der ärmeren Buren, der Bauern, Angestellten und Arbeiter, denen es davor graut, Autobussitze, öffentliche Bedürfnisanstalten und vor allem Arbeitsplätze mit Schwarzen teilen zu müssen.

Vor allem, um den extremen Rechten den Wind aus den Segeln zu nehmen, ließ Botha eine Woche vor seiner geplanten Parlamentsrede erneut Truppen nach Angola einmarschieren. Die South West African Territory Force, eine Hilfstruppe der südafrikanischen Armee, tötete 80 Kilometer nördlich der Grenze zwischen Namibia und Angola mindestens 60 angolanische Soldaten und Swapo-Freischärler: Pretoria rühmte sich des Scharmützels lautstark und offensichtlich mit der Absicht, Eindruck bei den Erzkonservativen zu machen.

Am selben Wochenende – nach Wochen der relativen Ruhe in der großen Township Soweto – verhaftete dort die südafrikanische Polizei zwei Symbolfiguren des schwarzen Widerstandes: Winnie Mandela und ihre Tochter Zindzi. Polizisten durchsuchten die Wohnung der beiden Frauen und ließen sie nach wenigen Stunden frei. Das war ein demonstrativer Akt: Die Regierung will die Verkrampten im Wahlvolk überzeugen, daß der Präsident im Kampf gegen die schwarze Opposition keine Härte scheut.

Pieter Willem Botha, der sich der Welt jahrelang als reform- und verständigungsbereiter Politiker präsentierte, führt den Kampf um die Wahlkreise im ländlichen Transvaal ohne Rücksicht auf das Echo im Westen. Er glaubt, sich das leisten zu können – sein internationaler Ruf ist ohnehin ruiniert.