Von Gerhard Spörl

Bonn, im Januar

Jetzt hat er wirklich alles hinter sich, was ein Leben in diesem Metier bieten kann. Den unaufhaltsamen Aufstieg, den Niedergang und die damit einhergehenden Schmähungen seiner Person und des Politikertypus, den Hans-Dietrich Genscher nun einmal verkörpert, und auch seine Auferstehung ist seit Sonntagabend gleichsam historisch dokumentiert. Mehr als kontrollierte Genugtuung gesteht er sich gleichwohl nicht zu. Da waltet wohl Argwohn: Schließlich könnte, wer im angenehmen Augenblick verweilt, den Anschluß verlieren. Es war Genscher, der das letzte Vierteljahr kräftig mitbestimmt hat – Grund genug für die Belohnung der FDP durch die Wähler. Also läßt er tunlichst andere das Motto von der „Genscher-Wahl“ unter die Leute bringen und achtet dabei sorgsam auf die Zwischentöne. Er selber hält an seiner alten Relativitätstheorie fest, daß es in der Politik immerzu auf die Resultate ankommt, im guten wie im schlechten, heute und morgen.

Genscher-Wahl – richtig daran ist, daß diesmal zum Nutzen der Liberalen die Grundbedingungen klar hervorgetreten sind, mit denen die Regierung seit 1982 lebt. Wer den Umfang und die Reichweite der Wende definiert wissen wollte, darf sich jetzt belehrt fühlen. Was die Regierung in der Wirtschafts- und Sozialpolitik seither anders gemacht oder sich vorgenommen hat, findet offenkundig Anklang. Die Außenpolitik der siebziger Jahre jedoch – zugegeben: moderiert durch das Temperament Genschers – gehört nach wie vor zum festen, unzweideutigen Bestand der Staatsräson.

Heute ist die Konstellation günstig für die Liberalen. Anders als vor vier Jahren gehen sie gefestigt in die Koalitionsverhandlungen. Natürlich haben sie bei der Wahl erneut von Leihstimmen aus dem Unionspotential profitiert. Aber sie haben es verstanden, spät und nicht ohne Mithilfe von CDU/CSU, ihre bloß koalitionspolitische Funktion symbolisch zu überhöhen und zu personalisieren. Die FDP vermutet, die Union messe einem neuen Nationalismus zuviel Bedeutung zu. Jedenfalls hat die FDP den Nutzen aus der ganzen Patriotismus-Debatte gezogen, die seit Bitburg immer wieder aufflackert. So lange die Union es vermied, näher zu begründen, was Konservatis-

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mus sein soll, hatte es die FDP keineswegs leicht in der Bonner Koalition. Jetzt ist das anders.