Von Margrit Gerste

Bonn, im Januar

Noch vor gut einem halben Jahr waren sie völlig verzagt und zu Tode betrübt, das Gefühl grassierte; Den zweiten Einstieg ins Bonner Parlament schaffen wir nicht. Totenglocken läuteten in den intellektuellen Geleitzügen. Heute scheinen sie himmelhoch jauchzend, Euphorie herrscht in allen Lagern. Eine "Wahnsinnswahl", eine "Historische Wahl"! Nicht nur schöne Freude, auch ein Hauch von Größenwahn durchweht die erste Pressekonferenz der Matadoren, so daß ein Auslandskorrespondent besorgt fragte: "Sind die Grünen gewappnet gegen Arroganz und Überheblichkeit?"

So sind sie, die Grünen: extrem von Stimmungen abhängig, mal überschwenglich, mal depressiv. Die Medizin, die ihnen mehr Gelassenheit und Nervenstärke bescheren könnte, haben sie noch nicht gefunden.

Natürlich haben sie erst einmal Grund zur Riesenfreude – wenn auch, der Wunsch vieler, die FDP, "die mit am tiefsten in der politischen Korruption verstrickt ist" (Otto Schily), als dritte Kraft zu ersetzen, nicht in Erfüllung ging. Von 5,6 auf 8,3 Prozent, statt 28 nun 44 Abgeordnete – 19 Männer und 25 Frauen: Solches Wachstum, sonst ein streng verpönter Vorgang bei den Grünen, haben nur die Grünen zu feiern – und zu verkraften. Extreme in Zahlen, Personen und politischen Profilen kennzeichnen Wohl und Wehe grüner Zukunft: Am untersten Ende der Länderskala liegt das Saarland mit 7,1 Prozent, vormals 4,8. Ganz oben Bremen mit 14,5 statt 9,7 Prozent; große persönliche Achtungserfolge feiern die äußersten Spitzen der grünen Flügel, je auf ihre Weise den Beifall für die ganze zukünftige Flugrichtung und Geschwindigkeit vereinnahmend: Super-Realpolitiker Otto Schily gewann zehn Prozent der Erststimmen in seinem Düsseldorfer Wahlkreis, eine Zahl, die weit über dem grünen Landesdurchschnitt von Nordrhein-Westfalen liegt. Jutta Ditfurth, exponierteste Vertreterin der Fundamentalisten und im Moment noch bei Freund und Feind gefeierter Fernsehstar, wurde mit zwölf Prozent honoriert – auf einer Landesliste aber wollte sie niemand in den Bundestag befördern.

Beide Namen stehen bei den Grünen nicht gerade für Befriedung und Integration, sondern eher für Streit. Der jetzt vielbesungene Pluralismus, dem man den Sieg zu verdanken habe, kann schnell wieder umschlagen in Polarität und innerparteilichen Kampf um die Grundlinien: Sollen sie sich hin zu den Sozialdemokraten öffnen, um mit ihnen ein stattliches Lager zu bauen? Oder sollen sie klein, aber schön radikal bleiben, profilierte Opposition zwar, aber ohne Chance, auf absehbare Zeit die bundesrepublikanische Mehrheit zu verändern? "Die Frage, sind wir flexibler unter uns, als es die SPD ist, ist noch nicht entschieden", sagt Antje Vollmer.

Fest gefügt ist im Moment nur eine Identität: die des Siegers. Aber aus dieser Pose heraus werden nun vollmundig die unterschiedlichsten Rollen und Regieanweisungen für die Grünen diktiert. Der Vorstand schwelgt im Erfolg. Lukas Beckmann, einer der Bundessprecher, fühlt sich herausgefordert, in weitere Spektren der Gesellschaft einzudringen, sich mit "CDU und Christentum, FDP und Liberalismus" auseinanderzusetzen "und wegzukommen von der Fixierung auf die SPD". Der Hamburger Ökosozialist Rainer Trampert sieht die Grünen schon in der Rolle derer, die "die Sozialdemokraten als politische Antwort auf die Konservativen ablösen"; die Partei müsse Motor sein für soziale Bewegungen – im Parlament sollen dann, flankierend sozusagen, die besten Reden gehalten, die besten Anträge gestellt werden. Und Jutta Ditfurths Perspektive: Stärkung einer phantasievollen Widerstandskultur, die weit über das hinausgehe, was sich in Prozenten ausdrücke. Otto Schily schließlich reklamierte am Wahlabend eine "eigene Mitte".