Von Susanne Kippenberger

Wer in London etwas zu sagen hat, geht entweder zum Hyde Park, stellt sich auf eine Holzkiste und verkündet einer Handvoll Touristen seine Ansichten über Gott und die Welt. Oder er läuft in die Charlotte Street und setzt sich in die Videokiste von Channel 4: Ein Herr kommt mit Hund; ein Punker lobt das Fernsehprogramm; eine alte Frau beklagt sich über einen Film, der ihre Altersgruppe wieder einmal voller Klischees porträtiert hat; ein Trio schwarzer Mädchen beschwert sich über den Werbespot einer Firma, die enge geschäftliche Beziehungen zu Südafrika unterhält.

Die Uhr läuft: Eine Minute hat der Besucher Zeit, vor der Kamera seine Meinung zum Fernsehprogramm zu sagen und einzelne Sendungen zu Kommentieren und zu kritisieren. Die interessantesten Kurzfilme aus den fünf Videoboxen des Landes werden jeden Samstag um sechs Uhr abends in „Right to Reply“ gezeigt. Als Jeremy Isaacs, Direktor von Channel 4, sich dort vor kurzem stellte, ergriff der Moderator die Partei des Publikums, das Isaacs heftig angriff.

„Right to Reply“ ist das einzige Programm, das der britische Sender selbst produziert. Channel 4 ist so etwas wie ein Fernsehverlag, wie Lektoren kaufen oder bestellen die sechzehn Redakteure Filme. „Broadcasting is too important to be left to the broadcasters“ – Rundfunk ist zu wichtig, um ihn den Rundfunkangestellten zu überlassen. Bei Channel 4 sitzt der Redakteur auf dem Schleudersitz: Niemand soll länger als zehn Jahre bleiben. Will er wahrscheinlich auch nicht. Für die 260 Angestellten gibt es viel zu tun.

Channel 4 öffnet sich auch jenen, die bisher nur in die Röhre guckten: den Bürgern, die den Kommentar im Anschluß an die abendlichen Nachrichten sprechen, oder den unabhängigen Filmemachern und Produzenten, denen die Türen der drei anderen Sender, BBC 1 und 2 und ITV, verschlossen sind. Extremisten dürfen in meinungsbezogenen Programmen ihre subjektive Position verkünden.

Links Filme oder ganze Serien von Marxisten, Feministinnen, Friedenskämpfern, rechts jene von Advokaten der Atomindustrie und der freien Marktwirtschaft. Ausgewogenheit muß nur aufs Jahr betrachtet herrschen. Das Gesetz diktiert dem vierten Kanal, Gruppen und Interessen zu versorgen, die bisher vernachläßigt wurden. Geschickt erfüllt der Sender seine Rolle als Lückenbüßer, stöbert Abseitiges auf, sei es im Sport oder in der Rockmusik. Die Waliser haben gar eine eigene Zweigstelle, Sianel 4 Cymru.

Und doch, so wendet ein Produzent ein: Zu einer Freiheitsstatue, die alle Armen und Entrechteten dieser Fernsehwelt mit offenen Armen empfängt, habe sich Channel 4 nicht entwickelt. Gleiches Recht für alle – Manager bekommen ein eigenes Magazin, Gewerkschafter auch. An wechselnde Minderheiten wendet sich Channel 4, nicht nur an die schwarze lesbische Alleinerziehende, wie ein weitverbreitetes Vorurteil behauptet.