Göttingen

Ingo hatte schon immer Freude am Knallen", sagt seine Mutter, "aber daß es soweit kommen würde, hätte ich nicht gedacht." Ingo, ein 21 jähriger Rechtsextremist aus Göttingen, ist durch einen selbstgebauten Sprengsatz ums Leben gekommen. Er hatte eine leere Kohlensäure-Patrone, wie man sie zum Bierzapfen benutzt, mit Sprengstoff gefüllt und wollte sie gerade zum Test aus dem Fenster seines Kellerappartements in den Garten werfen, da explodierte sie schon in seiner Hand. Ein Nachbar alarmierte den Notarzt, doch der konnte Ingo nicht mehr retten.

Nach dem tödlichen Unglück durchsuchte die Polizei sein Appartement. Dabei entdeckte sie eine Sprengstoff- und Waffensammlung – zum Beispiel 16 weitere Siphon-Patronen, dazu Schwarzpulver, "Unkraut-Ex", Schlagringe und einen zur Schußwaffe umgerüsteten Kugelschreiber. Daneben lagen Zeitschriften der NPD und ihres Jugendverbandes "Junge Nationaldemokraten". Trotzdem befand der Leiter des 7. Kommissariats für politisch motivierte Straftaten, Harald Hoffmann, schon nach zweieinhalb Tagen, Ingo sei ein "Einzelgänger ohne weitere Hintermänner".

Hätte die Polizei nachdrücklicher ermittelt, wäre ihr die beruhigende These sicher schwerer gefallen. Aus den Angaben von Bekannten und Verwandten läßt sich Ingos Werdegang leicht rekonstruieren: Er hat zu vielen Rechtsextremisten Niedersachsens Kontakt gehabt. Die ersten Verbindungen zu rechtsgerichteten Jugendlichen bekam Ingo schon mit zwölf, dreizehn Jahren. Seine Mutter, eine 58jährige alleinerziehende Kauffrau, erinnert sich, daß ihr Sohn damals auf dem Göttinger Otto-Hahn-Gymnasium einige ältere Jungen aus der rechten Szene kennengelernt hatte. "Er war ein ganz lieber Junge, bis er zu diesen Leuten Kontakt bekommen hatte."

Die Mutter ließ die Bande nicht in die Wohnung und zerriß die rechten Propagandaschriften, die mit der Post ins Haus kamen. Doch konnte sie das Abdriften ihres Sohnes in die rechte Szene so wenig verhindern wie seine Lehrer. In der Schule fiel der Junge bald durch aggressives Verhalten und durch Hakenkreuzschmierereien auf, wie eine Bekannte erzählt. In der Freizeit zog er mit seiner "Gang" in Parka und Militärstiefeln durch die Stadt. Manchmal kam er von oben bis unten verschmutzt nach Hause. Seine Erklärung: "Wir haben da so Übungen gemacht".

Das Hantieren mit Feuerwerkskörpern hatte Ingo schon immer fasziniert. Auf dem "Kerstlingeröder Feld", einem offen zugänglichen Militärübungsplatz bei Göttingen, testete er wiederholt selbstgebastelte Knallkörper. Ingo bekam bald Kontakt zur NPD und zu den "Jungen Nationaldemokraten" (JN), bei beiden wurde er Mitglied. In dieser Phase hatte er es auch mit Hans-Michael Fiedler zu tun, einem NPD-Funktionär, der als führender Kopf der rechten Szene Südniedersachsens gilt und schon seit Jahren in Verfassungsschutzberichten erwähnt wird. In Fiedlers Umfeld arbeiten laut Verfassungsschutz mehrere "rechtsextreme Zirkel" wie der "Studentenbund Schlesien" oder die "Hochschulgruppe Pommern". Organisiert wird diese Arbeit vor allem in einem Büro in der Göttinger Burgstraße Nr. 5.

Ingo hatte Kontakt zur "Burgstraße", erzählte später aber, daß er "rausgeworfen" wurde, weil er sich wiederholt mit Fiedler angelegt habe.