Von Martin Ahrends

Wer ist Fritz Brause? Auf dem U-Bahnhof hängt ein Plakat mit zwei großen grünen Flecken, die aussehen, als hätte sie jemand aus Buntpapier ausgerissen. "Fritz Brause" steht dazwischen, nicht dünn genug, um fragil, und nicht dick genug, um brutal zu wirken. Ganz normal also, was im Falle von Rock-Plakatbeschriftungen ganz ungewöhnlich ist. Und die Schrift hat einen Schatten, so ordentlich, so harmlos, wie man sich heute die schlichten Schriftarten der Nachkriegszeit vorstellen mag, "Fritz Brause" noch einmal in züchtigem Abstand, eine kleine Selbstparodie, nicht mehr, und doch neben aller aufdringlichen Gewaltsamkeit der umgebenden Werbelandschaft ungemein erfrischend und erheiternd. Ein Plakat mit viel Weiß, viel "Zwischenraum hindurchzuschaun", und das Wenige, was darauf ist, nimmt sich noch ironisch selbst zurück. Nichts, was uns angrinst oder anbrüllt, das uns erschrecken oder verführen will, ein kühles Lächeln nur und abgerissenes Buntpapier.

Wer also ist Fritz Brause? Fritz Brause ist ein kleines drahtiges Mädel mit Schiebermütze, das quietschvergnügt auf der Bühne herumhopst, ein bißchen mit dem Po wackelt und richtig schön dazu singt. Sie hat ein gestricktes giftgrünes Etwas an, das zwei magere Mädchenschultern sehen läßt, und trägt einen schwarzen Lederrock dazu; so geht Elli aus Elmshorn das erste Mal zur Disko, so geht Karin aus Schwäbisch Hall zu ihrem ersten Rendezvous: Jene sympathische Sorte von Teenagern, die eigentlich ganz gern Jungens geworden wären und das Endgültige ihrer Weiblichkeit noch vor sich herschieben.

Fritz Brause, eigentlich heißt sie Sabine Sabine, will noch spielen, will noch als frecher Stepke durchgehen, wo man längst weiblichen Lebensernst von ihr erwartete. In ihrer Band spielt sie mit lauter netten großen Jungs die alten Kinderspiele. Leicht und heiter ist dieser Rock, funkigverspielt, er hat den unbescholtenen Charme einer blauen Stunde im Buddelkasten. Ihre Freunde auf der Bühne teilen die Lust am keuschen Rock, der professionell und differenziert ist und ohne die übliche gewalttätige Lautstärke auskommt. Sie nehmen sich selbst nicht so ganz ernst wie die Heavy- oder Sentimental-Rocker, gewinnen ihr Publikum mit leichter Hand, statt es zu bannen, zu lähmen oder in Trance zu versetzen.

Fritz Brause hat man in Zusammenhang mit der "cool wave" gebracht, und die Schallplattenaufnahmen legen das nahe mit ihrer kühlen Präzision. Was ihnen fehlt, kann vielleicht nur das Live-Erlebnis vermitteln: daß diese Zurückhaltung nichts Kokettes oder Arrogantes hat, sondern unaufdringlich dazu einlädt, mitzuspielen.

Zum Beispiel: Gummihopse, ein beliebtes Kinderspiel. An einem straffen Gummiband-Sound hangelt sich das Schirmmützen-Mädchen zu dem großen schwarzen Keyboarder im Straßenanzug und fordert ihn auf mitzusingen. Das tut er recht und schlecht, doch wie er’s tut, könnte es jemand aus dem Publikum, jemand von uns gewesen sein. Unaufwendig, unprätentiös sind sie bei ihrer Sache und deshalb so sympathisch.

Gummihopse heißt für Fritz Brause, den gradlinigen, federnden Drive zu überspringen und zu umspielen, auch einmal lässig danebenzustehen, anstatt sich "draufzusetzen", "mitzuschwimmen" oder "dagegen an zu gehen". Ihre volle klare Stimme rankt sich wie eine Girlande um das "Gummiband", eher beiläufig, als hätte die Girlande in sich selbst jederzeit Halt genug. Fritz Brauses Welt ist zwanglos, wie eine Kinderwelt im besten Falle sein kann.