Karlsruhe um 1910: Zwar gab es weder Ampeln noch Verkehrsspitzenzeiten, doch auch die „Automobilfahrer“ der ersten Stunde nahmen den Kampf ums Dasein auf der Straße entschlossen auf. Und trugen ihn bis in die Spalten der Lokalzeitung, wie das nachstehende Fundstück zeigt.

Karlsruhe, 31. Juli. Vor kurzem erschien an dieser Stelle eine beachtenswerte Auslassung über einen durch rücksichtslose Fuhrleute oft schwer gefährdeten Automobilverkehr im Albtal. Wir waren nun gestern, Sonntag abend gegen 9 Uhr, Zeuge einer absichtlichen Autogefährdung durch ein anderes Automobil, wie man es kaum für möglich halten sollte. Denn als ein Coupe-Auto bei der Spinnerei Ettlingen ein vor ihm fahrendes größeres offenes Auto erreichte und nun vorschriftsmäßig vorbeifahren wollte und deshalb mit der Fanfarenhupe lautschallende-Signale gab, suchte das vorausfahrende Auto diesem den Weg zu verlegen.

Es tat dies nicht nur, indem es möglichst die Mitte der Straße hielt und so das Vorbeifahren rechts und links unmöglich machte, sondern auch, indem es scheinbar bald nach rechts und bald nach links ausbog, um dann sofort wieder den Weg zu sperren. Es hätte hierdurch um ein Haar das furchtbarste Unglück durch einen Zusammenprall der Autos entstehen können, so daß die Insassen des ersten Autos durch ihr Verhalten, dessen genaue Ursache noch nicht aufgeklärt ist, eine grenzenlose Verantwortung auf sich nahmen.

Nur durch das Werfen von allen möglichen Gegenständen gegen das Auto, in welchem ein Herr mit seinem Stock drohend herumfuchtelte, konnte dieses schließlich dazu veranlaßt werden, den Weg freizugeben. Aber auch dies tat es noch nach der falschen Seite hin, so daß auch hier, falls ein Wagen entgegengekommen wäre, eine Katastrophe nicht ausgeschlossen gewesen wäre.

Glücklicherweise kommen solche unglaublichen Rücksichtslosigkeiten in unserem Autowesen, die im Interesse der allgemeinen Sicherheit zu einer unbedingten Disqualifikation der Fahrer führen müßten, nur selten vor, da für gewöhnlich jeder Autofahrer weiß, wie er im Interesse eines geordneten Verkehrs zu fahren und auszuweichen hat.

Karlsruhe, 31. Juli. Zu dem Eingesandt „Unfairer Automobilfahrer“ bitten wir um die Feststellung, daß es sich bei dem in Rede stehenden Vorfall, abgesehen von anderen Unrichtigkeiten, absolut nicht um ein unbegründetes oder gar böswilliges Nichtvorfahrenlassen handelte, daß vielmehr lediglich bei der an der fraglichen Straßenstelle durch das Vorhandensein von zwei Bahnübergängen gegebenen Gefährlichkeit und bei der bereits eingebrochenen Dunkelheit sowie bei dem lebhaften Fußgänger-Verkehr eine kurze Verzögerung geboten schien, die kaum die Zeit von einer Minute in Anspruch nahm.

Der nachkommende Automobilfahrer hat die Situation offenbar nicht richtig erkannt, sonst hätte er keine Veranlassung gehabt, durch Werfen mit einer Flasche und anderen Gegenständen seinem absolut unbegründeten Unmut einen ganz gewiß gesetzlich nicht zulässigen Ausdruck zu verleihen. Gerade durch das rücksichtslose Werfen bzw. durch das Geräusch der zerbrochenen Flasche wurde in dem vorfahrenden Autolenker die Meinung erweckt, es habe bereits ein Anfahren an dessen rechts befindlicher Schlußlaterne stattgefunden, und in der Absicht, Schlimmeres zu vermeiden, bog derselbe etwas nach links ab.