Ich bin im Zentrum von Rom und versuche, den Corso hinaufzugehen, von der Ecke Via Condotti zur Piazza Colonna. Mir ist, als befinde ich mich in einem jener Träume, in denen man sich abstrampelt, ohne je ans Ziel zu gelangen. Die Situation wäre noch akzeptabel, wenn ich auf dem Petersplatz stünde, um auf das Erscheinen des Papstes zu warten. Aber ich muß mich bewegen. Ich möchte „von da nach dort“. Ein simpler Gedanke, aber in Rom geht nichts mehr, nicht mal zu Fuß. Man steckt fest, jeden Tag. Die Menge verläuft sich erst spät, um in die U-Bahn zu strömen und ins Dunkel der Vorstädte heimzukehren. Die Taxifahrer haben ihre natürliche Misanthropie zu einem psychotischen Haß gesteigert und verfluchen die Vorstädter, die das Zentrum verstopfen. Schuld ist natürlich die U-Bahn. Ich denke an eine Sciencefiction-Story, in der die Vereinigten Staaten der Erde, um China von ein paar Milliarden Menschen zuviel zu befreien, eine Jumbolinie direkt und gratis Peking-Locarno installiert haben. Gut für China, aber die Schweiz ist verloren. Wie glücklich war Rom, als man von den öden Vorstädten nur im Zusammenhang mit Pasolini sprach: Damals liebten alle die Vorstadtbewohner, besonders jene, die neulich gegen das McDonald-Etablissement an der Spanischen Treppe protestiert haben. Heute weiß man, was die borgata ist, sie hat nichts von Poesie. Und wie geht’s weiter? Was tut Rom für seine Randbezirke, damit die Leute es angenehm finden, dort zu bleiben?

Ich kämpfe mich langsam voran, Block für Block. Ich habe keine Lira mehr in der Tasche und suche nach einem Bancomaten, wie hier die Geldautomaten der Banken heißen. Im Verlauf von zwei Stunden finde ich acht, aber keiner davon funktioniert. Zugegeben, auch in Mailand sind die drei Bancomaten, die man von meiner Wohnung aus zu Fuß erreicht, immer kaputt, aber dort wechselt mir wenigstens der Drogist meine Schecks. Ich erinnere mich, wie neidisch ich vor ein paar Jahren auf die Amerikaner war. Sie verließen das Haus mit ein paar Dollar in der Tasche, und wenn sie Bargeld brauchten, fanden sie an der nächsten Ecke einen Automaten ihrer Bank, auch frühmorgens um vier. Als dann bei uns die Bancomaten eingeführt wurden, überkam mich ein Anflug von Nationalstolz: Ein Amerikaner konnte nur Geld bei seiner Bank abheben, und nur in seiner Stadt; ein Italiener dagegen würde nun Geld bei jeder Bank und in jeder beliebigen Stadt abheben können. Doch bald ging mir auf, worin der Unterschied zwischen einem amerikanischen und einem italienischen Bankautomaten besteht, nämlich daß ersterer immer und letzterer nie funktioniert. Ansonsten ist der italienische sicherlich besser. Vorausgesetzt, man braucht kein Geld und benutzt ihn bloß für Schnitzeljagden.

Unter den Apparaten, die wir benutzen, gibt es solche, die eine recht weite Skala von Dysfunktionen ertragen, und andere, die nach dem Prinzip „ganz oder gar nicht“ funktionieren. Eine Uhr zum Beispiel ist benutzbar, auch wenn sie zwei, drei oder fünf Minuten vorgeht. Sie funktioniert sogar dann, noch, wenn sie eine halbe Stunde vorgeht, man muß es nur wissen und sich darauf einstellen. Sie ist solange benutzbar, bis sie stehenbleibt (alles hat seine Grenze), aber sie wird wieder perfekt, wenn sie genau zwölf Stunden nach- oder vorgeht. Anders dagegen ein Wecker. Entweder er weckt, oder er weckt nicht. Ein Wecker, der nicht weckt, ist reif für den Müll. Der Bancomat italiano gehört zur zweiten Kategorie. Ich meine nicht den einzelnen Apparat (das wäre banal), ich meine das System.

Nach der Theorie des Bancomaten-Systems kann ich ohne Geld aus dem Haus gehen, denn es gibt mir die Sicherheit, daß ich im Umkreis von fünfhundert Metern einen funktionierenden Geldautomaten finde. Gewiß erträgt das System geringfügige Defekte (z. B. daß zwei von zehn Automaten kaputt sind), aber seine Toleranzschwelle ist sehr niedrig. Ich spreche gar nicht von der gegenwärtigen Situation, in der höchstens einer von dreißig Bancomaten funktioniert: Selbst wenn nur einer von zehn funktionieren würde, könnte niemand mehr sicher sein, im Verlauf von zwei Stunden und im Umkreis von zwei oder drei Kilometern Geld zu bekommen. Natürlich gibt es ein sehr einfaches Mittel gegen die chronische Dysfunktion der Bancomaten, nämlich immer Bargeld in der Tasche zu haben – woran sich alle schließlich wohl oder übel gewöhnen. Aber in einem System, in dem alle immer Geld in der Tasche haben, sind Geldautomaten nicht mehr notwendig.

Tatsächlich ist es genau dieses Wunder, das sich bei uns ereignet. Der Bancomat italiano ist jenes Ding, das durch die bloße Tatsache seines Existierens seine eigene Existenz überflüssig macht. Die Situation hat etwas Theologisches an sich, sie scheint dem Kopf eines listigen Gaunilo entsprungen, der seinen Freund Anselm von Canterbury in Verlegenheit bringen will. Aber nicht ich bin hier auf der Jagd nach Paradoxen. Es ist das Bankwesen, das sehr, konkret eines geschaffen hat, map sage nie mehr, die Banker seien Leute ohne Kreativität, Phantasie und barocke Schläue. Warum dann allerdings das italienische Bankwesen so viele Lire-Milliarden verpulvert hat, bloß um seinen Hang zum reinen Spiel zu befriedigen, entgeht mir. Ich gehe diesen Streichholzbrief aufgeben, nachdem ich mir etwas Kleingeld aus der Matratze geholt habe.

Aus dem Italienischen übersetzt von Burkhardt Kroeber. Copyright: L’Espresso.