Von Ralf Dahrendorf

New York, im Januar

Der 19. Januar ist Martin Luther King Day in Amerika, der Tag, an dem des 1968 ermordeten schwarzen Bürgerrechtlers gedacht wird. Unter Präsident Reagan hat der Kongreß den Tag 1983 zum Feiertag erklärt. Aber nicht alle akzeptieren das Gesetz. In Arizona zum Beispiel ist Gouverneur Mechan im November unter anderem mit der programmatischen Absicht gewählt worden, den von seinem Vorgänger eingeführten Feiertag wieder aufzuheben; das hat er nun getan. Es ist nur ein Glied in einer Kette jüngster Ereignisse, die aufs Neue die alte Frage der Stellung der Schwarzen in Amerika aufwerfen.

In New York ereignete sich am 20. Dezember ein in aller Welt beachteter Zwischenfall. Drei junge Schwarze blieben zu später Stunde mit ihrem Auto in einem fast nur von Weißen bewohnten Stadtteil liegen. Sie gingen zu Fuß zu einer Pizzeria. Unterwegs wurden sie von einer Gruppe von jungen Weißen gesehen, die feuchtfröhlich Geburtstag feierten. Einige von diesen machten sich auf zur Pizzeria, um die "niggers" zu vertreiben. Sie jagten die drei mit Knüppeln und Baseball-Schlägern, fingen zwei, die sie schlugen und traten. Verletzt entkamen diese wieder, in Richtung auf die stark befahrene Stadtautobahn. Einer der Schwarzen versuchte, sie zu überqueren, wurde dabei von einem Auto erfaßt und getötet.

Das ist der Anfang der Geschichte, die bis heute weitergeht und allerlei verwirrende Wendungen genommen hat. Die drei Schwarzen, so stellte sich heraus, waren nicht ganz unbeschriebene Blätter; sie waren angeblich (gegen Mitternacht) auf dem Weg, sich ihren Wochenlohn bei einem bisher nicht identifizierten Arbeitgeber abzuholen. Die jungen Weißen waren keineswegs als rassistisch bekannt; der Haupttäter hatte eine schwarze Freundin. Der Anwalt des einen Schwarzen verweigerte nach zwei Tagen für seinen Klienten jede Aussage. Er verlangte, daß der Fahrer des Unfallwagens unter Mordanklage gestellt wird; dieser sei (was faktisch unmöglich ist) Teil der weißen Jugendgang gewesen. Dann verlangte er, daß ein Staatsanwalt von außerhalb, vom Gouverneur des Staates New York, oder gar von Bundesbehörden berufen und das Verfahren den städtischen Instanzen entzogen wird (Das ist inzwischen geschehen). Der Fall ist also voller Komplikationen und wird noch lange nachwirken.

Doch wird das wenig ändern an den Ergebnissen einer Umfrage, die Anfang Januar vorgenommen wurde. Da wurde unter anderem gefragt, ob die Polizei sich in diesem Fall verantwortlich verhalten hätte oder nicht. 52 Prozent der befragten Weißen, aber nur 24 Prozent der Schwarzen hielten das Polizeiverhalten für verantwortlich; 23 Prozent der Weißen, aber 55 Prozent der Schwarzen hielten es für unverantwortlich. Ein ähnliches Bild ergab sich bei Fragen nach der Neutralität des Bezirksanwalts.

Mit anderen Worten: Die Weißen vertrauen, die Schwarzen mißtrauen den Behörden, und beide Gruppen sehen ihre Umwelt sehr verschieden. Übrigens stimmten ein Drittel der Befragten der Aussage zu, daß Weiße und Schwarze in New York einander grundsätzlich mißtrauen. Die New York Times begann einen Leitartikel zu dem Thema mit dem Zitat eines weißen Bauarbeiters, das die Zeitung offenbar für typisch hält: "Es ist leicht, in dieser Nachbarschaft einen Schwarzen zu erkennen, und wenn ich einen sehe, weiß ich, daß er nichts Gutes im Sinn hat. Die kommen her und rauben alle aus. Das ist eine bekannte Tatsache. Darum haben alle ihre Meinung über die Schwarzen."