Die graue Eminenz des Deutschen Bundestages, einer der einflußreichsten Lobbyisten der Wirtschaft, wird im neuen Bonner Parlament vorerst nicht vertreten sein. Professor Dr. Reinhold Kreile, Aufsichtsrats- und Beiratsmitglied in knapp einem Dutzend Unternehmen, hat den Sprung in den Bundestag nicht geschafft. Kreile, der oft im Ruf stand, Flicks verlängerter Arm im Parlament zu sein, ist das prominenteste Opfer der CSU-Stimmenverluste in Bayern. Der Professor, seit 1969 im Bundestag, kann die Einnahmen als Abgeordneter (rund 13 500 Mark im Monat) leicht verschmerzen. Der Verlust des direkten politischen Einflusses wird für den vermögenden Steueranwalt sehr viel schwerer wiegen.

Ansonsten freilich können Wirtschaft und Industrie nicht über mangelnden Einfluß im elften Deutschen Bundestag klagen. Die Repräsentanten der Arbeitgeber wie der Arbeitnehmer sind nach wie vor in etwa gleichbleibender Anzahl vertreten. Die mächtige Wirtschaftsvereinigung Eisen und Stahl, deren langjähriger Parlamentarier Herbert W. Köhler (auch Stahl-Köhler genannt) nicht mehr kandidierte, hat in dem Wirtschaftsjuristen Ruprecht Vondrian sicher einen würdigen Nachfolger gefunden. Auch die übrigen Branchen der Wirtschaft – Bergbau, Energie, Chemie, Mittelstand und Einzelhandel – sind kaum geschmälert im Bundestag vertreten – mal durch Unternehmer und Verbandsfunktionäre der Wirtschaft, mal durch die Gewerkschaften und deren hauptamtliche Sekretäre.

Einen Aderlaß erlitt die Bauernfraktion. Sie zählt fünf Landwirte weniger als bisher, das entspricht einem Minus von zwanzig Prozent, das sich für die etablierte Bauernschaft noch dadurch vergrößert, daß zwei der neuen MdB-Bauern den Grünen angehören, die kaum etwas mit Standesvertreter Constantin Freiherr Heereman gemeinsam haben werden. Der Bauernpräsident, der nun zum zweiten Mal seine Klientel in der CDU-Fraktion vertritt, hat übrigens den Unmut der Landwirte über die Bonner Agrarpolitik deutlich zu spüren bekommen. Der Baron mußte in seinem Wahlkreis überdurchschnittliche Verluste hinnehmen; 8,1 Prozentpunkte bei den Erststimmen und 7,4 Prozentpunkte bei den Zweitstimmen (die Unionsverluste im Bundesdurchschnitt: 4,5 Prozent).

Deutliche Gewinner der Wahl vom vergangenen Sonntag sind wieder einmal die Staatsdiener, Beamte und Angestellte des Öffentlichen Dienstes. Noch ist keine amtliche Aussage über die berufliche Zusammensetzung des neuen Parlaments möglich, weil hinter manchen vagen Berufsangaben wie "Soziologe", "wissenschaftlicher Angestellter" oder "Angestellter" staatliche Institutionen ebenso wie private Unternehmen als Arbeitgeber stecken können. Erst wenn die detaillierten Lebensläufe der 127 Bundestagsneulinge in einigen Wochen vorliegen, kann die Zurechnung zu Berufs- und Gesellschaftsgruppen genau ermittelt werden.

Bis dahin ist auch entschieden, welche der gewählten Kandidaten ihr Mandat gar nicht annehmen, wie etwa Franz Josef Strauß und Johannes Rau. Für sie ziehen dann Nachrücker von den Landeslisten ins Parlament. Reinhold Kreile wird in Bayern noch nicht dabei sein, falls Strauß in München bleibt. Für ihn würde die Diplom-Volkswirtin Gerda Hasselfeldt nachrücken. Danach freilich folgt schon Kreile, womit seine Aussichten, doch noch irgendwann dem elften Bundestag anzugehören, so schlecht nicht sind.

Soweit eine vorläufige Strukturuntersuchung aufgrund der vorhandenen Berufsangaben Rückschlüsse zuläßt, wird der Anteil der Staatsdiener gegenüber dem zehnten Bundestag (39 Prozent) wiederum auf das Niveau des neunten Bundestages ansteigen und bei etwa 41 Prozent liegen. Rechnet man amtierende wie ehemalige Regierungsmitglieder hinzu, deren Besoldung an die der Beamten gekoppelt ist, dann dürfte der Block der "Staatsdiener" im neuen Bundestag sogar bei annähernd fünfzig Prozent liegen. Das ist alles andere als ein Spiegelbild der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Aber Beamte können sich eben die Kandidatur leisten, bei ihnen ruhen nämlich nur die Pflichten, nicht die Rechte aufs Gehalt.

Auffallend ist die erneute Zunahme der Lehrberufe (Lehrer, Professoren, Dozenten). CDU/CSU und FDP haben je drei Neulinge, die SPD sogar zwölf. Prozentual haben die Grünen mit neun neuen Lehrern den größten Zuwachs dieser Berufsgruppe. Ihr Lehreranteil (insgesamt 12) liegt bei der gegenwärtigen Fraktionsstärke (44 Abgeordnete) bei 27 Prozent. Daß Lehrer auch bei der FDP politische Karriere machen können, ist 1987 ein Novum. Im zehnten Bundestag war die FDP nur mit einem Hochschulprofessor vertreten.