Von Rudolf Kahlen

Der Schein trügt. Krankenhäuser gelten gemeinhin als Inbegriff der Hygiene, doch damit ist es nicht weit her. Es kommt vor, daß sich ein Patient, der nach einem Herzinfarkt eingeliefert wird, auf der Intensivstation noch eine Lungenentzündung zuzieht. Das ist kein spektakulärer Einzelfall: Bis zu fünfzehn Prozent der Bettlägerigen werden in Krankenhäusern durch herumschwirrende Krankheitserreger angesteckt. Es hapert vor allem an der angemessenen Sauberkeit. Da wären eigentlich Fachkräfte gefragt, die diesem Problem zu Leibe rücken. Doch dagegen sperrt sich ein Großteil der Krankenkassen, weil ihnen zusätzliche Personalkosten nicht ins Konzept passen. Sparen gilt als oberste Devise.

Neue Hygieneschwestern und ärztliche Klinikhygieniker einzusetzen, widerspräche dabei nur auf den ersten Blick dem Wunsch nach Kostendämpfung im Gesundheitswesen. Bei genauem Hinsehen zahlt sich das zusätzliche Personal auf kurz oder lang aus. Nicht nur, weil der Patient besser dran ist, wenn ihm die Lungenentzündung erspart bleibt; er braucht weniger Medikamente, kann früher nach Hause geschickt werden und spart den Krankenkassen damit letztlich Bares.

Das sieht auch Gerhard Ruhrmann so. Der Ärztliche Direktor des Hamburger Kinderkrankenhauses Wilhelmstift wollte bei den jüngsten Pflegesatzverhandlungen dem Vertreter der Krankenkassen die Planstelle für eine Hygienefachkraft abringen. Kostenpunkt pro Jahr: 35 000 Mark. Doch Axel Dilchmann winkte als Verhandlungsführer der Gegenseite ab. Die Kassen finden, daß die Sparmöglichkeiten durch Hygiene nicht ausreichend belegt seien.

Auf solche Einwände reagiert nicht nur Ruhrmann mit Kopfschütteln, Fachleute auf dem Gebiet der Klinikhygiene verstehen diese sture Haltung ebensowenig. Der Freiburger Hygieneprofessor Franz Daschner etwa verweist immer wieder auf eine breit angelegte amerikanische Studie, wonach Krankenhausinfektionen in solchen Häusern um ein rundes Drittel abnahmen, wo Hygienespezialisten am Werk waren. Aufs Jahr gerechnet ergibt sich daraus in einem 250-Betten-Krankenhaus eine Ersparnis von bis zu 260 000 Dollar, sprich: fast einer halben Million Mark. Der Blick in die USA ist dabei eigentlich nicht notwendig, es reichte auch ein Fingerzeig aufs nahe gelegene Tübingen. An der dortigen Frauenklinik ergab eine Untersuchung, die krankenhausbedingten Ansteckungen seien innerhalb von sieben Jahren dank verbesserter Hygiene um über siebzig Prozent zurückgegangen.

Ulrike Niehues hat über diesen Erfolg genau Buch geführt. Als Hygieneschwester gehört das Registrieren von Krankenhausinfektionen zu ihrem Job. In der Frauenklinik, so stellte sich bald heraus, sind die meisten Patienten nach größeren gynäkologischen Operationen angesteckt worden. Häufig ist es zu Wundinfektionen gekommen, die die Patienten länger als geplant ans Bett fesselten; weit mehr hatten die Mediziner aber mit Harnweginfektionen zu kämpfen.

Derartige Komplikationen sind größtenteils vermeidbar, das zeigen die Fortschritte in Tübingen. Doch dafür ist speziell geschultes Personal notwendig. Ob nun Schwester oder Krankenpfleger: die Hygienefachkraft muß dem Personal auf die Finger schauen. Ein keimfreier Verband sollte eben nicht ohne Handschuhe gewechselt werden, weil Krankheitserreger gerade mit der Hand weitergegeben werden. Das altgediente Personal hat aber noch die traditionelle Pflege gelernt. Und damals ging es ohne die lästigen Handschuhe.