Von Kurt Becker

Schon am Wahlabend haben die Bonner Koalitionsführer damit begonnen, einander mit Schuldzuweisungen zu überziehen. Das deutet auf stürmische Verhandlungen über das Programm und das Spitzenpersonal der künftigen Bundesregierung. Helmut Kohl muß sich in geschwächter Position gegen Franz Josef Strauß und dessen Verlangen nach Satisfaktion wegen des Stimmenrückgangs wehren. Auch gegenüber Hans-Dietrich Genscher muß sich der Kanzler behaupten, der seinen Zugewinn an Stimmen für die FDP durch einen saftigen Erfolgsbonus honoriert sehen möchte.

Alle Kanzler haben unter dem Zwang zum Ausgleich kollidierender Ansprüche der Regierungspartner geächzt. Die begehrten Ämter müssen ausgehandelt werden: Minister, Parlamentarische Staatssekretäre, Beamte der höchsten Ränge. Nur einmal verlief das alles ohne Blitz und Donner: im Jahre 1957. Damals errang Konrad Adenauer die absolute Mehrheit. Er amüsierte sich in seiner Regierungserklärung über die Gier nach Ämtern und Kompetenzen. Nach den anstrengenden Erlebnissen mit den Freien Demokraten seit 1949 konnte er zum ersten Mal nach eigenem Gusto regieren. Einziger Koalitionspartner war damals die Deutsche Partei, ein dahinsiechendes Anhängsel aus Norddeutschland.

Schon vier Jahre später aber wendete sich das Blatt. Im Jahre 1961 mußte Adenauer Erich Mende, dem bisher größten Wahlsieger der Liberalen (12,8 Prozent), versprechen, er werde die Kanzlerschaft nach zwei Jahren an Ludwig Erhard abtreten. Der sofortige Kanzlerwechsel war ursprünglich eine Vorbedingung Mendes zur Teilnahme an der Regierung. Aber ein mit Erhard, Strauß und Kiesinger geplanter Handstreich scheiterte in den Koalitionsverhandlungen. Adenauers Wille war stärker. Die Bonner Idylle von 1957 einerseits und andererseits der erbarmungslose Machtkampf von 1961 vermitteln ein Bild der Spannweite von Koalitionsverhandlungen.

Dramatisch waren sie eigentlich alle, am meisten aber jene, die in eine Zeit fielen, in der sich ein politischer Stimmungswandel anbahnte, wie Ende der sechziger oder zu Beginn der achtziger Jahre. Koalitionsverhandlungen sind oft viel aufschlußreicher für die politische Realität als das Zahlenwerk am Wahlabend.

Im Jahre 1965 errang Ludwig Erhard einen grandiosen Wahlsieg, aber die Freien Demokraten fanden sich mit ihren Stimmeneinbußen nicht ab. Durch eine vermehrte Mobilität in der Deutschland- und Berlin-Politik, die im Zuge der Zeit lag, wollte Mende das Manko seiner Partei wettmachen. Mit Erhard und dessen Außenminister Gerhard Schröder wäre das möglich gewesen, nicht aber mit der Mehrheit der Union. Die Koalitionsverhandlungen waren zäh und langwierig. Mende setzte den finanzpolitischen Hebel an, um Erhard zur Rücknahme kostspieliger Wahlkampfzusagen zu zwingen. Aber er hatte damit keinen Erfolg. Die Union zahlte Mende die Demütigung von 1961 heim.

Die einst so verheißungsvoll gegründete Koalition Erhard-Mende endete in Disharmonie, obgleich das Wahlergebnis von 1965 von niemandem als Anfang vom Ende gedeutet wurde. Die vom Ende der Ära Adenauer her kündenden öffentlichen Stimmungen erwiesen sich als stärker. Sie schlugen durch auf die Konsistenz der Koalition, die ein Jahr später endgültig verfiel.