Die CDU beginnt, eine Bilanz ihrer Fehler und Versäumnisse zu ziehen

Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Januar

Spürt Helmut Kohl im Rücken schon die Wand? Wo immer er in diesen Tagen erscheint, da ist so gut wie nichts mehr zu erleben von der prallen, schier die Knöpfe sprengenden Zuversicht, mit der er noch vor einer Woche im Lande unterwegs war. Er wirkt in sich gekehrt, beinahe düster. Kein Zweifel: Daß die Bürger, mit denen er sich nicht nur in einer politischen, sondern auch einer geradezu emotionalen Symbiose verschmolzen glaubte, ihm einen solchen Denkzettel verpaßt haben, das hat Helmut Kohl tief getroffen. Bedrückt war er schon, als er in der Wahlnacht zu einer Stunde, in der sich die Einzelheiten und mutmaßlichen Gründe des Debakels noch gar nicht genau abzeichneten, von einem kleinen Podest im großen Saal des Bonner Konrad-Adenauer-Hauses aus die deprimierten Unionsanhänger zu trösten versuchte. Die Kanzlermiene hat sich seitdem noch nicht wieder aufgehellt.

In diesem Gemütszustand wirkt Helmut Kohl freilich auf viele auch sympathischer als mit jener überbordenden Selbstgewißheit, bei der sich die Grenzen zur Selbstgerechtigkeit oft genug verwischen. Und wenn er die Wand bereits im Rücken spürt, so fordert das seine Selbstbehauptungsinstinkte heraus. Selten hat man ihn oder überhaupt einen Politiker so ungeschminkt über die Ursachen einer Niederlage sprechen hören. Da gewinnt Helmut Kohl schon psychologisch einiges Terrain wieder zurück. Natürlich weiß der politische Profi, der Kanzler und CDU-Chef Kohl, daß in seiner Situation Ehrlichkeit zunächst die beste Verteidigung ist.

Siegen und doch verlieren

Das widrige Wetter, das sich so bequem als Erklärung für Stimmeneinbußen anböte, will er schon gar nicht als Ursache gelten lassen. Nein, die verhältnismäßig vielen Nichtwähler zu Lasten der Union hatten, so seine Analyse, ganz andere Motive. Die Bauern etwa und das von ihnen lebende ländliche Gewerbe, erläutert Kohl, zeigten sich von der Agrarpolitik, zumal in ihrem europäischen Kontext, doch betroffen. Oder die jüngsten Exempel für die Rheinverseuchung hätten der CDU, obwohl sie in Sachen Umweltschutz so schlecht nicht dastehe, „enorm geschadet“.