Bilanz eines Gedenkjahres für beide Teile Deutschlands

Von Manfred Schlenke

Man schreibt das Jahr 1763. Für Preußen bedeutet es „Halbzeit“ der Regierung Friedrichs II., den schon die Zeitgenossen – Voltaire erstmals 1742 und die Berliner 1745 – den „Großen“ nannten. Friedrich hat 23 Jahre regiert und wird noch einmal 23 Jahre, regieren, bevor er von der historischen Bühne abtritt. Nur drei weiterer Jahre bedarf es, und die Französische Revolution wird das überkommene europäische Staatensystem in seinen Grundfesten erschüttern – mit Folgewirkungen, die bis in unser eigenes Jahrhundert hineinreichen. Friedrich, „ein Mann in einer Zeit des Umbruchs“ (I. Mittenzwei), kehrte 1763 aus dem dritten seiner um das von ihm geraubte Schlesien geführten Kriege, von den Strapazen des siebenjährigen Ringens gezeichnet, als „Sieger“ nach Berlin zurück – gestützt auf eigene Standhaftigkeit, aber auch begünstigt von glücklichen Zufällen.

Aus eben diesem Jahr 1763, mit dem der erste „Weltkrieg“ der modernen europäischen Geschichte beendet wurde, sind uns zwei Urteile über den Preußenkönig und seinen Staat überliefert, in denen die beiden Pole der Meinungsbildung für die folgenden zwei Jahrhunderte abgesteckt werden:

1. Der britische Staatsmann William Pitt d. Ä., dem Friedrich d. Gr. in erster Linie die Subsidiengelder für seine Armee im Siebenjährigen Krieg verdankt und der zwei Jahre zuvor als „Premierminister“ zurückgetreten war, lobt im Gespräch mit dem preußischen Gesandten in London den König von Preußen: „Sie werden das Glück haben, einen König wiederzusehen, der die Bewunderung aller Zeiten bilden wird, und den Ruhm, ihm zu dienen. Dürfte ich meinerseits darum zu bitten wagen, daß dieser Herrscher daran zu gedenken geruht, daß in einem englischen Dorf ein Mann lebt, für den es holdester Trost ist, ihn über alle seine Feinde triumphieren zu sehen, und der an den Wundern seiner heldenhaften Regierung ermißt, welche Stufen die menschliche Natur zu erklimmen vermag.“

2. Im selben Jahr 1763 vernehmen wir die Stimme eines aus Stendal gebürtigen Preußen, Johann Joachim Winckelmann, des Begründers der archäologischen Wissenschaft, Da er in Friedrichs Staat keine Anstellung findet, kehrt er seinem „Vaterland“ den Rücken und geht nach Rom. Voller Enttäuschung schreibt er mit Blick auf Preußen und seinen König: „Ich bin unter einem Tyrannen geboren. Mein Vaterland drückt der größte Despotismus, welcher irgend erdacht ist. Ich denke mit Schaudern an dies Land. Es schaudert mich die Haut vom Haupte bis zu den Zehen, wenn ich an den preußischen Despotismus und an den Schinder der Völker denke, welcher das von der Natur selbst vermaledeite Land zum Abschaum der Menschheit mit ewigem Fluch bedeckt hat. Lieber ein beschnittener Türke als ein Preuße.“

Dies sind jene beiden extremen Pole, zwischen denen Hans Dollinger die Urteilsbildung über den Kronprinzen von Preußen ansiedelt. Zeitlich hat der Verfasser den Rahmen seiner informativen, anregenden, gut geschriebenen und wohldisponierten Studie weiter gespannt, als der Titel vermuten läßt: Er untersucht den Wandel des Friedrich-Bildes nicht nur für zwei Jahrhunderte, sondern für die Zeit von der Geburt des Thronfolgers (1712) bis ins „Friedrich-Jahr“ (1986). Die beiden Friedrich-Biographien von Wolfgang Venohr und Karl Otmar Freiherr von Aretin aus dem Jahre 1985 werden ebenso ausgewertet wie die „älteren“ Bücher von Ingrid Mittenzwei (1979, 3. überarbeitete Aufl. 1983) und Theodor Schieder (1983):