„Between Dusk and Dawn“

Es geht ganz verhalten an; man weiß nicht gleich, wie es sich entwickeln wird – doch dann, im zweiten Teil des ersten Stückes, ist kein Zweifel mehr: Es ist arabische Musik, die hier mit dem Jazz eine malerische Symbiose eingeht, ohne Schaden an ihrer Eigenart zu nehmen. Sie hört sich für abendländische Ohren reizvoll an, fremd und schön – ein ost-westliches Konzert mit Saxophon (Charlie Mariano), Baß (Glen Moore), mit indischen und mittelöstlichen Perkussionsinstrumenten (Ramesh Shotham und Glen Velez), später auch mit Marimbaphon (Christian Burchard) und Klavier (Michael Armann), vor allem aber mit der Flöte und dem uralten arabischen Oud (Rabih Abou-Khalil), dem wir die Laute und die Gitarre verdanken. Ihr eigentlicher Reiz aber ist nicht das schöne Fremdartige, das nun wie ein orientalisches Mitbringsel mit der okzidentalen Welt verschliffen wird; es ist die Art des Umgangs der Musiker mit dem arabischen musikalischen „Material“. Klingt es anfangs eher nachdenklich, beinahe meditativ, geht es später überaus temperamentvoll zu, treiben die Klangfarben faszinierende, rhythmisch stark gezeichnete Blüten, ganz besonders im sechsten dieser acht Stücke. Und in keinem singt das Saxophon so hingebungsvoll wie im letzten – im Verein mit dem Oud. Man vergißt darüber schnell, nach der Rubrik zu suchen, in die dieser erstaunlich feine virtuose Jazz gehört (MMP 170886; über Kirchhoff GmbH, Stollbergstraße 1, 8000 München 22). Manfred Sack

Witold Lutoslawski: „Symphonie Nr. 3

Er ist fünf Jahre jünger als Oliver Messiaen, nur vier Monate trennen ihn von John Cage, der noch in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag feiert. Wie die beiden leistet auch der polnische Altmeister in der radikalen Ausweitung musikalischer Grenzen weiterhin einen bedeutsameren Beitrag als die Phalanx der heutigen Avantgarde zusammen. Und gerade in seinen jüngeren Werken, der für das Chicago Symphony Orchestra komponierten dritten Sinfonie (1983) wie im beigefügten Vokalstück „Les espaces du sommeil“ (auf ein Gedicht von Robert Desnos, 1975) bekräftigt Lutoslawski die Ansicht, daß es unabhängig von der Schönbergschen Zwölftontechnik und anderer Innovationen im traditionellen Tonsystem noch zahllose Möglichkeiten gibt, Neues zu entdecken. Dem Senior der polnischen Schule ist es in der Tat gelungen, das ihm wichige Material des internationalen Spektrums aufzugreifen und Tonalität, Rhythmik, Dodekaphonie und Aleatorik zu individuellem Ausdruck aufzubereiten. In der formalen Dichte und Großarchitektur des sinfonischen Apparates weist er damit hinaus über Karl Amadeus Hartmann, die in künstlerischer Moral, Phantasie und Disziplin ihm ähnliche deutsche Gegenfigur. Dietrich Fischer-Dieskau, Widmungsträger und Interpret der Lyrikdichtung, und die erstmals unter der Leitung des Komponisten musizierenden Berliner Philharmoniker engagierten sich bei der Authentizität verleihenden Aufgabe mit furiosem Schwung. Einem so entfesselten wie subtilen Klangreichtum kann man sich schlechterdings nicht entziehen. (Philips 416 387)

Peter Fuhrmann