Von Heinz Blüthmann

Professor Werner Breitschwerdt hat derzeit einen besonders schwierigen Job. Aber der Spaß, so verkündet er auch in diesen Tagen unverdrossen, ist ihm noch nicht vergangen: "Schon früher habe ich gesagt, ich gehe jeden Tag mit Freude ins Büro, und daran hat sich nichts geändert."

Zweifel sind angebracht. Denn Breitschwerdt, der seit drei Jahren auf dem Chefsessel des bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Unternehmens sitzt, bei Daimler-Benz in Stuttgart, sah sich am Dienstag vergangener Woche zu einem peinlichen Eingeständnis vor zweitausend eigenen Führungskräften genötigt: "Wir haben Fehler gemacht."

Nur wer das in 100 Jahren gewachsene Selbstverständnis der Daimler-Leute und ihren stolzen Anspruch kennt, die besten Autos der Welt zu bauen, kann nachfühlen, wie schwer ein solcher Satz dem Daimler-Chef gefallen sein muß, und das quasi in der Öffentlichkeit. Denn die Fehler, die Breitschwerdt einräumt, sind bei der Konstruktion und Produktion eben der Mercedes-Karossen passiert, deren beispielhafte Qualität bisher weltweit als untadelig empfunden wurde. Fast als ein Verstoß gegen die guten Sitten im Hause Daimler und draußen bei der Kundschaft muß gelten, daß Breitschwerdt nun sein Management aufforderte: "Wo Qualitätsfragen auftauchen, ist jeder zu sofortigem Handeln verpflichtet." War das denn nötig?

Seit sich im Sommer 1986 die Mängelrügen in Stuttgart ungewöhnlich häuften – klappernde Schiebedächer, abfallende Fensterkurbeln und Kunststoffverkleidungen, Lackfehler und gerissene Windschutzscheiben bei den Modellen der neuen Mittelklasse vom Typ 200 bis 300 E –, startete Daimler eine teure Nachbesserungsaktion in den Niederlassungen und bei Händlern. Außerdem wurden die Fehlerquellen in der Entwicklung und Herstellung eingekreist und weitgehend beseitigt. Einen Grund, die unliebsame Qualitätsfrage im neuen Jahr noch einmal an die ganz große Glocke zu hängen, gab es deshalb eigentlich nicht.

Breitschwerdts starke – und publicityträchtigen – Worte sind auch kaum dazu geeignet, das angekratzte Image der schwäbischen Autobauer wieder auf Hochglanz zu polieren – eher schon haben sie das Gegenteil bewirkt, weil zwangsläufig noch mehr Autokäufer auf den "Ausrutscher" (Breitschwerdt) aufmerksam gemacht worden sind: vom Chef höchstpersönlich. Verkaufsfördernd wirkt das sicher nicht.

Der Daimler-Vorstandsvorsitzende war denn auch vielmehr darauf aus, vor versammelter Mannschaft mutig Führungskraft zu demonstrieren, nach dem Motto: Ich bin der Boß und sage euch, wo es lang geht. Genau daran gibt es im oberen Management nämlich große Zweifel, eigentlich schon seit drei Jahren – so lange bekleidet Breitschwerdt den wohl begehrtesten Posten in der deutschen Industrie.