Der Herr Hauptpastor wähnte sich in den Fußstapfen seines Herrn und Meisters, den ja auch weiland beim Anblick der Kassentische im Tempel die kalte Wut gepackt hatte: „Es ist nicht in das Ermessen des Kirchenvorstandes gestellt, zuzulassen, daß eine Kirche wie St. Michaelis in offenbarer oder schleichender Weise ihres gottesdienstlichen Charakters (?) entkleidet, also umfunktioniert wird zu einem Konzerthaus für gehobene Ansprüche in Hamburg.“ Und damit ein für allemal Klarheit herrsche beim Presbyterium (das ja nach der Kirchenverfassung mit dem Pfarrer gemeinsam die Kirchengemeinde leitet) und beim Kantor gab er einen Beschluß zur Kenntnis, daß „in Zukunft die geplanten Konzerte eines Halbjahres dem Pfarramt zur Begutachtung vorgelegt werden sollen“.

Nun ist die Diskussion der Kirche mit den Künstlern über deren Existenzberechtigung älter als die Institution selber – die erbte den Streit schon von ihrer Vorgängerin, der Synagoge. Auf den Punkt brachte das Dilemma schon ums Jahr 1700 ein Friedrich Erhard Niedt in Hamburg: „Endlich sol auch der Finis oder End-Ursache aller Music und also auch des General-Basses seyn, nichts als nur Gottes-Ehre und Recreation des Gemüths, wo dieses nicht in acht genommen wird, da ist auch keine recht eigentliche Music, und diejenigen, welche diese edle und göttliche Kunst mißbrauchen zum Zunder den Wollust und fleischlicher Begierden, die sind Teuffels-Musicanten... Wer nun bey seiner Musicalischen Profession einen gnädigen GOtt und gut Gewissen haben will, der schände diese große Gabe GOTTES nicht durch deren Mißbrauch zu unerbahren Wesen.“

Gottes Ehre oder die Ergötzung des Gemüths, das ist hier die Frage. Denn des Hauptpastors anmaßendes Zensurbegehren zielt ja nicht auf die Orgelvesper oder den sonn-/festtäglichen Kantatengottesdienst, sondern das Weihnachtsoratorium und das Verdi-Requiem, mehr noch auf die Brandenburgischen Konzerte und auf horribile dictu, Mozartsche Epistelsonaten. Und dies alles nicht hausgemacht, sondern durch renommierte Solisten (freilich unter des Hauptkantors Leitung).

Aber abgesehen von einem Einwand, mit dem Carl Dahlhaus auf dem letzten Musikologen-Kongress zugleich verblüffte und beschämte („Die Aufführung von Bach-Kantaten in Kirchenkonzerten ist ein Paradox: In einem Raum, der für den Gottesdienst bestimmt ist, aber als Konzertsaal dient, werden Werke präsentiert, die ursprünglich eine liturgische Funktion erfüllten, ihrem Zweck jedoch entfremdet, sind“): Welche Chance hat denn ein einigermaßen guter Kirchenmusiker heute noch, im Gottesdienst über die Ehre Gottes hinaus noch ein Gemüth zu ergötzen? Was lassen ihm die Liturgien und Agenden, die Formulare und Canones an Gelegenheit, seine „große Gabe“ zu zeigen, seine Phantasie wie seine Technik, seine Intuition und seine Interpretationskunst? Das eine, das man will – das andere, das man darf. In Stuttgart mußte sich Hans-Jürgen von Bose mit seinem kantatenartigen, freilich auch mit linksintelektuellen Texten der Ökolyrik durchsetzten „Im Wind gesprochen...“ aus der geplanten Einbindung in einen Gottesdienst herauskatapultieren lassen. Johann Sebastian Bach, heute noch einmal vor die Wahl gestellt – ob er wieder den Hofcapellmeister gegen den Kantor tauschte?

Was übrigens die Hamburger Kirchenobern und den schnöden Mammon betrifft, der an der Musica hängt: Schon der besagte Johann Sebastian Bach verzichtete 1720 auf den Organisten- und Schreiber-Job an St. Jakobi – er hatte die 4000 Courant-Mark nicht übrig, für die der Posten von den Pfeffersäcken verkauft wurde.

„Wenn der Bauer über den Jäger kommt“ – heißt es im „Freischütz“. So mag man hinter des Hauptpastors Eifer denn wohl auch viel von jenem uralten scheelen Blick des Predigers auf den Künstler vermuten, der mit seinem und seiner Kollegen Können über die Ehre Gottes hinaus vielleicht doch mehr Gemüter ergötzt als der Prediger – und das in der Tat sogar für theologisch gehobene Ansprüche.

Heinz Josef Herbort