Kirchheim unter Teck

Ich hatte einen regelrechten Senkrechtstart. Nach vier Tagen war ich schmerzfrei, die Geschwulst weg“, berichtete die 42jährige Geschäftsführerin vor dem Amtsgericht im schwäbischen Kirchheim unter Teck. Sie hatte jahrelang unter starkem Rheuma gelitten: „Ich bin beinahe vor die Hunde gegangen, so schlecht ging’s mir.“

Diese Heilung, um die sich Mediziner jahrelang ohne Erfolg bemüht hatten, soll zurückzuführen sein auf die wundersame Wirkung der sogenannten Esper-Klötze – etwa 16 Zentimeter lange Eisenvierkantrohre, deren „Herzstück“ jeweils eine in eine Wachs- und Aluschicht gehüllte Kupferspule ist. Materialwert: sechs Mark. Verkaufspreis: 150 Mark.

Mit diesen Eisenklötzchen sei es gelungen, behauptet Namensgeber Herbert Esper, ein 46jähriger Maschinenbauingenieur aus dem bayerischen Bad Abbach, die Krankheitsursache auszumachen. Unheilbringende Erdstrahlen aus der Tiefe könnten Krankheiten, von Asthma über Fieber bis zu Krebs oder Multiple Sklerose, hervorrufen. Davon jedenfalls sind er und der praktische Arzt Dr. Helmut Eichhorn aus Kirchheim überzeugt. Beide standen nun wegen Betrugs in neun Fällen vor Gericht.

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart wirft den Erdstrahlengläubigen vor, sich „Vermögensvorteile durch die Vorspiegelung falscher Tatsachen“ verschafft zu haben. Zwischen 1000 und 14 000 Mark haben die Kunden hingeblättert in der Hoffnung, Linderung oder gar Heilung bei Krankheiten zu finden, an denen bisher die ärztliche Kunst gescheitert war. 14 Zeugen im Alter von 32 bis 65 Jahren wurden in Kirchheim gehört, vom Gipser über Rentner, Hausfrau, Katechetin, Geschäftsmann und Unternehmer. Die meisten Zeugenaussagen gerieten zu vehementen Plädoyers für ihren Hausarzt.

„Bestürzt“ war beispielsweise eine Zeugin, daß gerade Dr. Eichhorn angeklagt sei. Sie beschrieb ihn als einen Mediziner, der sich sehr viel Zeit für seine Patienten nehme. Und sie bescheinigte ihm „die Gabe, Dinge über die Schulmedizin hinaus zu erfassen“.

An rasenden Kopfschmerzen litt eine andere Zeugin, von Beruf Heilpraktikerin. Innerhalb von zehn Minuten hatte der Ingenieur mit einem Schlüsselbund zahlreiche Störstellen in ihrem Haus „ausgependelt“. 25 Klötze sollten helfen. Die Heilpraktikerin nahm den pendelnden Heiler noch mit in die Wohnung ihres Sohnes. „Zu Tode erschrocken“ war sie, als der Ingenieur ihr sagte: „Wenn die Wohnung nicht abgeschirmt wird, bekommt ihr Sohn Leukämie.“