Von Christine Metzger

Diesmal muß man weit hinaus, weiter als sonst, denn es ist kalt in der Massachusetts Bay, kälter als gewöhnlich um diese Jahreszeit. Daher wird das Schiff Boston schon um neun Uhr verlassen, und es wird etwa zwei Stunden dauern, bevor man die ersten Wale zu sehen bekommt. Daß wir welche sehen werden, davon ist die Dame vom New England Aquarium in Boston überzeugt. „Wir machen das täglich, von April bis Oktober, und es hat noch jeder für seine 20 Dollar Wale gesehen!“ Wer zahlt, darf Leistung erwarten in Amerika, sogar von der Natur. „Warm anziehen!“ ruft sie uns noch nach, „Pullover, Regenmäntel.“

An diesen Rat haben sich alle brav gehalten, und so drängen sich am nächsten Morgen 130 plastikverpackte Touristen auf der Werft. Unser Schiff ist die „Voyager“, knapp dreißig Meter lang. Die Besatzung ist jung, lustig, gut informiert und wild entschlossen, uns die Zeit zu verkürzen. Als wir Boston verlassen, bekommen wir die Skyline erklärt. Wir fahren an Inseln vorbei und erfahren alles über Piraten und Leuchttürme, die Kläranlagen von Boston, über ein Gefängnis und die historische Bedeutung eines Forts.

Als wir das offene Meer erreichen, sind bereits die ersten seekrank. Die übrigen gießen sauren Kaffee aus Styropor-Bechern in sich hinein und schälen lapprige Sandwiches aus Plastikhüllen. Wir sehen Hummerfischer und Flugzeuge, die Logan Airport ansteuern. Doch immer noch nicht das kleinste bißchen von einem lebendigen Wal. Denn Photos, schematische Zeichnungen und Landkarten hat man uns bereits gezeigt, auch einen Wirbelknochen und das leichte, glänzende „baleen“.

„Fischbein“ steht im Lexikon als Übersetzung. Eine recht dürftige Angabe, in ihrer Einseitigkeit bezeichnend: Für die Walfänger des vorigen Jahrhunderts waren bestimmte Walarten nur Fischbeinlieferanten. Um dieses begehrten Handelguts willen wurden zum Beispiel die Grönlandwale vollkommen ausgerottet. Biologisch korrekt übersetzt heißt „baleen“ „Barten“. Diese Hornplatten hängen zu Hunderten vom Gaumen des Bartenwales herab. Von der Natur sind sie nicht für Korsettstangen bestimmt, sondern dazu, daß der Wal seine Nahrung, Millionen winziger Meereskrebse und -schnecken, aus dem Wasser filtern kann.

Das alles wissen wir also schon und sind fast soweit, daß wir glauben, einen Seiwal vom Finnwal unterscheiden zu können – auf die Finne, die Rückenflosse, muß man bei letzterem achten –, als über Lautsprecher die erste Erfolgsmeldung kommt: Wal in Sicht.

Verflogen ist die Lethargie. Alle stürmen zur Reling. Wenn bloß das Boot nicht kippt! Wo, wo? Da! Und dann ertönt ein „aaahhh“ aus 130 Kehlen, ein schwarzer Rücken hebt sich aus dem Wasser, gleitet rasch, elegant, lautlos durch die Wellen und ist auf einmal wieder verschwunden, so plötzlich, wie er aufgetaucht war. Wo der schwere Körper versank, kräuselt sich das Wasser im Sog, schimmert, als treibe ein Ölfleck auf dem Meer. Wo saß die Rückenflosse? Keiner hat darauf geachtet, und der Kapitän muß uns aufklären: Es war ein Finnwal, fast so lang wie unser Boot.