Trainer Bosch gegangen, Manager Tiriac schon halb abgewandt. Was soll denn nur aus Boris Becker werden? Abermals Wimbledonsieger womöglich. Seine Tenniswelt ist ja nicht zu Bruch gegangen, sie verändert sich bloß. Ein Neunzehnjähriger will nicht leben wie ein Siebzehnjähriger. Und in zwei weiteren Jahren wird er vermutlich wieder anders leben wollen. Das Leben ist schnell, wenn man 19 ist. Und es ist noch schneller, wenn man innerhalb von zwei Jahren Weltstar und Millionär geworden ist. Die Menschen, die bisher sein Leben bestimmt haben, leben alle viel langsamer als er.

Unterschiedliche Geschwindigkeiten, unterschiedliche Beurteilungen, unterschiedliche Interessen. Irgendwann trennt man sich dann eben. Das Schöne an den "Sport-Ehen" ist ja, daß sie abgesehen vom Erfolg, der ihnen beschieden oder nicht beschieden ist, belanglos sind. "Der Trainer", so steht es unter diesem Stichwort in der Enzyklopädie, "ist der für das Training von Einzelsportlern, Mannschaften oder auch Pferden zuständige Ausbilder. Seine Hauptaufgabe ist die Wettkampfvorbereitung."

"Um Boris auf dem Boden zu halten, gehe ich manchmal mit ihm den Weg zurück. Den holprigen Weg, auf dem so viele Kinderträume zerplatzen", schreibt Bosch in seinen Erinnerungen an die Jahre mit Boris. Jetzt, da seine Träume wahr geworden sind, will Boris Becker auch mal neue Wege gehen. Er hat eine entzückende Freundin, die mit ihm zu den Turnieren fährt. Und warum soll seine Benedictine nicht mal wichtiger sein, als bei irgendeinem Turnier im Halbfinale oder im Endspiel zu stehen. Gar nicht einmal in dem Augenblick, da er auf dem Platz steht. Aber vorher, in seinen Gedanken. Vielleicht ist sie ihm sogar wichtiger als ein dritter Wimbledonsieg.

Wer 19 ist, schaut nicht zurück. Gerade, wenn ihn die Vergangenheit noch immer umklammert hält. Becker war neun, als er von Bosch entdeckt wurde. Bosch, heißt es, sei eine Art Ersatzvater für ihn in der Tenniswelt gewesen. Wettkampfvorbereitung durch den Trainer, das ist nicht nur Bälle schlagen, technische Fehler korrigieren; das ist zuhören, Rat geben, organisieren, korrespondieren, rechtfertigen, erklären, planen, entscheiden. Für ihn, dem er gewissermaßen das Leben abnimmt, damit er es gewinnen kann. Indem er ihn abschirmt vor den blödsinnigen Widrigkeiten des Alltags, damit er sich ungestört auf die Vervollkommnung seiner Spezialbegabung konzentrieren kann. Doch wenn der Tag des Erfolgs dann gekommen ist, platzt die so schön ausgegrenzte Welt mit großer Wucht in sein Leben hinein.

Boris Becker war vorbereitet, Wimbledon zu gewinnen, nicht aber mit einem Wimbledonsieg zu leben. Da muß er nun doch ganz anders leben wollen als vorher, auch wenn es dem Trainer nicht gefällt, und der Manager es nicht für richtig hält – und auch, wenn er sich irrt. Wenn man sich nicht einmal mit 19 mehr irren darf.

"Ich kann die Einstellung nicht mehr akzeptieren, mit der Boris sich auf die Turniere vorbereitet", hat Bosch gesagt. Das ist auch das Bekenntnis, daß er die Tenniswelt und ihr Jet-set-Leben anders beurteilt als sein Zögling, obwohl sie beide das gleiche Ziel haben: Die Nummer eins der Weltrangliste. Hier die Mahnung an Pflicht und ein geordnetes Leben, dort die atemberaubenden Möglichkeiten, die einem As im Showgeschäft Sport auch um den Preis eines Doppelfehlers offenstehen. In dem Bühnenstück "Der Unbestechliche" läßt Hofmannsthal den der guten Tradition verpflichteten Diener, der den leichtlebigen jungen Herrn wieder auf den rechten Pfad zurückbringen will, sagen: "Es sind, Euer Gnaden, die irdischen Dinge sehr gebrechlich." Der große Dichter hat sein Stück ein Lustspiel genannt.

Uwe Prieser