Von Manfred Berger, Wolfgang G. Gibowski und Dieter Roth

Mehr als drei Viertel der Wahlberechtigten hatten einen Sieg der Koalitionsparteien erwartet. Daß es dann auch so kam, überraschte weniger als die Verluste der Unionsparteien und die Zugewinne von FDP und Grünen. Durch das Wahlergebnis haben sich damit die Gewichte im Lager der Koalitionsparteien stärker als erwartet zugunsten der FDP verschoben, im Oppositionslager dagegen nicht ganz so deutlich, wie vielfach vermutet, zugunsten der Grünen. Auffällig ist der Zuwachs der Splitterparteien, für die über eine halbe Million Wänler stimmten. Die Stimmenanteile dieser Parteien verdreifachten sich dadurch fast auf 1,4 Prozent; allein die NPD erhielt mit 0,6 Prozent fast die Hälfte davon.

Die wahlsoziologische Forschung geht nach wie vor davon aus, daß große Teile der Wählerschaft starke Bindungen an die beiden Volksparteien haben: Die Arbeiterschaft, besonders die gewerkschaftlich organisierte, wählt überwiegend SPD; die katholische Bevölkerung hält zur Union, wobei die Nähe zur Kirche, wie man sie noch am häufigsten in ländlich geprägten Regionen findet, diese Orientierung verstärkt. Die Unionsparteien werden aber auch von Landwirten, Selbständigen und freiberuflich Tätigen mehrheitlich gewählt und erhalten ebenfalls von den beiden größten Berufsgruppen, den Angestellten und Beamten, und selbst von den Arbeitern dann viele Stimmen, wenn es sich um Katholiken handelt. Diese Bindungen wurden auch bei dieser Wahl wieder bestätigt. Die Unterteilung der Wohngebiete nach jeweils dominierenden sozialen Strukturen weist jedoch Veränderungen der Parteianteile auf, die für die politische Bewertung dieser Wahl besonders aufschlußreich sind.

Die CDU/CSU hat insgesamt 4,5 Prozentpunkte verloren; nur 1961, nach dem Bau der Berliner Mauer, waren die Verluste der Union mit 4,9 Punkten noch größer. Überdurchschnittlich hohe Verluste (-5,1 Prozentpunkte) mußten die Unionsparteien in ländlichen Gegenden verbuchen, wobei der Rückgang in den ländlichen katholischen Regionen im Süden höher ausfiel (-5,5) als in den ländlichen protestantischen Gebieten im Norden (-4,6). Von den Verlusten der CDU/CSU waren demnach vor allem Hochburgen der CSU in Bayern betroffen. Wie die Umfrageergebnisse zeigen, haben die Unionsparteien überall im ländlichen katholischen Raum in erster Linie unter den bäuerlichen Protesten gegen die Agrar- und Weinbaupolitik gelitten.

Von den Verlusten der Union profitierten hauptsächlich FDP und SPD; die Sozialdemokraten konnten so ihre Verluste an die Grünen ausgleichen: und sich halten. Die sonstigen kleinen Parteien kamen hier insgesamt auf immerhin zwei Prozent. Überdurchschnittlich (-4,8 Punkte) war der Rückgang der Union aber auch in den Wohngebieten der Angestellten und Beamten in den kleineren Gemeinden und mittleren Städten, Hier konnte sich vor allem die FDP verbessern (+3 Punkte).

Die SPD hat nach 1983 auch bei dieser Wahl Stimmenanteile (-1,2 Punkte) verloren. Bei dieser Wahl wurde das Abschneiden der Sozialdemokraten von zwei unterschiedlichen Trends geprägt: In den Arbeiterwohngebieten konnte die SPD ihre Stimmenanteile meist knapp behaupten oder, wie in weiten Teilen des Ruhrgebiets, sogar leicht verbessern. Anders in den Wohnvierteln der Angestellten und Beamten: Hier waren die Verluste der SPD (-2,9 Punkte) mehr als doppelt so hoch als bundesweit. Soweit diese Wohnviertel in kleineren Gemeinden liegen, bleiben die Verluste der SPD (-1,5 Prozentpunkte) geringer als im ganzen Land. In den Städten mittlerer Größe fielen sie mit minus 2,2 Prozentpunkten größer als im Durchschnitt aus und waren in den urbanen Dienstleistungszentren mit minus 3,2 Punkten nochmals größer. In diesen Wohnvierteln hatten die Grünen mit 3,7 Punkten ganz besonders hohe Zuwächse. Beispielhaft hierfür stehen die hohen Verluste der SPD und hohen Gewinne der Grünen in Hamburg, im Rhein-Main-Gebiet, in Frankfurt, in München und Stuttgart.

Daß die SPD sich in den Arbeiterwohngebieten halten konnte und in den Dienstleistungszentren besonders verlor, stimmt mit den theoretischen Erwartungen überein. Die Stammwähler halten offenbar unverändert zu ihrer SPD, während die nach dem Godesberger Programm von Wahl zu Wahl gewonnenen Wählerschichten im Dienstleistungsbereich der SPD nun nach und nach, meist zugunsten der Grünen, den Rücken kehren.