Von Roland Kirbach

Es war einmal eine Stadt, die "eröffnete unternehmerischer Initiative eine Chance und war attraktiv für ansiedlungswillige und investitionsbereite Firmen". Hier, hinter den sieben Bergen im Teutoburger Wald, wurden "über viele Jahrzehnte hinweg stets mehr Arbeitsplätze angeboten als durch Anwohner zu besetzen waren". Es war eine Lust zu leben und zu investieren: "Das Gemeinwohl blühte, soziale Systeme entwickelten sich zukunftsweisend. Bielefeld bekannte sich zu seiner Industrie und zur eigenen Schaffenskraft und Leistung."

Doch dann kam eine große Teuerung übers Land, und die Stadt fing an zu darben: "Der Konjunktureinbruch 1973 als Folge der ersten Ölpreiskrise traf die Bielefelder Industrie ... überdurchschnittlich." Die Arbeitslosigkeit stieg "erheblich mehr als im Bund und Land"; und "die Erträge der Betriebe gingen zurück und mit ihnen die Steuerkraft der Stadt". Alsbald traf "die zweite ölpreisbedingte Rezession" die Wirtschaft "erneut überdurchschnittlich". Da wurden die Bielefelder wohl etwas kopflos und bescherten der Stadt bei der folgenden Kommunalwahl 1979 eine "Wende zum Schlechteren", wie uns mitgeteilt wird: "Abgeordnete der grün-bunten Liste zogen in den Rat ein." Das war eine "Zäsur", meinen die Chronisten – "hundert namhafte Bielefelder Unternehmer, Manager, Handwerker, Einzelhändler und Vertreter der freien Berufe". Weil sie sich "durch längeres Schweigen nicht weiter mitschuldig machen" wollen, haben sie jetzt einmal alles aufgeschrieben und unter dem Titel "Bielefeld – eine Stadt, die sich ihrer Wirtschaft nicht zu schämen braucht" dem Volk kundgetan.

Es bedrücke sie, schreiben die hundert Namhaften, darunter Miele, Oetker und Seidensticker, "wenn das Morgen in unserer in schöner Umgebung gelegenen attraktiven Stadt ohne Not verschenkt wird" und "sich unsere Stadt inzwischen ihrer Schornsteine schämt". Weil die SPD nämlich ihre absolute Mehrheit verloren hatte, war sie darauf angewiesen, ihre Politik "mit wechselnden Partnern" durchzusetzen. "In den für die Wirtschaft der Stadt wesentlichen Entscheidungen (z. B. drei von fünf städtischen Haushalten, Realisierung des Verkehrskonzepts usw.) geschah dies mit den Stimmen der grün-bunten Abgeordneten."

In Bielefeld Unternehmer zu sein, muß zu einem Spießrutenlaufen geworden sein: "Industrieansiedlungen werden eher mit Mißtrauen betrachtet, Investitionen allzuoft administrativ behindert." Und den verbliebenen Firmen wird das Leben durch hohe Steuern und Gebühren schwergemacht. "Unsere Stadt ist ärmer geworden", klagen die Hundert, die entschlossen sind zu bleiben. "Ehemals große Namen sind verschwunden, neue Namen dagegen kaum hinzugekommen. Das bedrückt." Nicht mehr fern wähnen die Unternehmer den Tag, da die heimische Industrie "lediglich noch als Fossil alter Bielefelder Entwicklung und Größe in einem Industriemuseum zu bestaunen sein" wird.

Statt sich "quer durch alle staatstragenden Parteien gemeinsam um Ansiedlung neuer Industrien, die Förderung zukunftsträchtiger Technologien" zu bemühen, hatte die Stadt Wichtigeres zu tun – etwa eine Städtepartnerschaft mit Esteiii in Nicaragua einzugehen und dafür auch noch fünfzigtausend Mark pro Jahr zur Verfügung zu stellen. Auch die Einrichtung einer "Frauengleichstellungsstelle" oder die Subventionierung eines Nachttaxis für Frauen zum Nahverkehrstarif vermögen die Unternehmer nur schwer nachzuvollziehen.

Vor allem aber: Die Umweltpolitik der Stadt bestimmt nun ein Dezernent der grün-bunten Liste. Von "Verkehrsberuhigung" und "Straßenrückbau" ist da jetzt oft die Rede und weniger von der Erschließung neuer Gewerbeflächen. Die Ansiedlung neuer Unternehmen hingegen "wird einem untergeordneten Amtsleiter ohne einschlägige Erfahrungen und ohne übergreifende Kompetenzen übertragen". Und finden sich hin und wieder doch Ansiedlungswillige, dann müssen sie ihr Vorhaben "auch noch auf gesellschaftliche Verträglichkeit hin untersuchen lassen, was immer das für die Prüfenden in diffuser Ideologie auch heißen mag".