Ein Mann geht durch sein bisheriges Leben wie durch ein Museum. Das Licht: gebrochen, weich. Kein Lärm von draußen. Aber Bilder, immer neue Bilder, die sich in der Stille der Räume entfalten können. So ließe sich die Stimmung beschreiben, die den Leser von Harald Hartungs neuer Gedichtsammlung einfängt: „Traum im Deutschen Museum“.

Harald Hartung, Literaturprofessor in Berlin und Kritiker, hat in diesem Band seine bisherige Lyrik-Produktion gesichtet, wie sie in den siebziger Jahren in vier schmalen Bändchen erschienen war. Im letzten Drittel stehen dann die neuen Arbeiten, die noch nicht in Buchform vorlagen.

So gesehen, läßt sich der Band des heute 54 Jahre alten Lyrikers Hartung als Zwischen-Summe lesen, als eine poetische Bestandsaufnahme. Aber das Eigene, das Hartung festhält im Gedicht, hat sich zu einer Generationserfahrung verdichtet. Da ist das Aufwachsen im Weltkrieg, Geräusche der Kindheit, Gerüche, das Ruhrgebiet: der enge Hof, der Hühnerstall, das Gärtchen; „ein schwarzer Mann / verrußt, mit der Kaffeeflasche“; „Libellen überm Wasser“, aber auch „Männer in Sträflingskleidern an der Straße hackend“; Szenarios im Luftschutzkeller, vor der Gulaschkanone; der „Pimpf“, der sich vorm „Dienst“ drückt.

Die Nachkriegs-Ära dann – „Mein Vater war gerade zurück ein Fremder / dem ich die Schuhe putzte“: fünfziger Jahre, Adenauer-Zeit, Ungarn-Aufstand, Germanistik-Studium in Münster: zwischen mittelhochdeutschen Seminaren mit Spruchbändern der Anti-Atom-Bewegung hinaus auf die Straße, man kommt ohne Vermummung aus, die frische Demokratie hat noch genügend schlechtes Gewissen. Anschließend Berlin, in den späten Sechzigern: Euphorie und Aufbruchsstimmung, die Hoffnung auf einen „möglichen Sommer“; Polit-Schickeria in den Salons, leicht angesäuselt Benjamin deklamierend, später Foucault – Mode-Hits, Schlager der Saison, ex und hopp, und weiter: „Europa, das sich einschwärzt als Geschichte / die niemand mehr entziffert. Zwischen Grau / und Grau die Eule auf dem Radarschirm.“

Bei dem Licht, das Hartung über diese geschichtlichen Augenblicke legt, dominieren die Grauwerte. Schräg fällt es, „das schattenlose Licht“, es flimmert, zieht Streifen, nie ist es grell. Bilder taumeln eher „als Flocken herab“. Die Worte sind leicht gesetzt, trumpfen nie auf, wollen nie Recht haben, wissen es nicht besser, notieren das, was ist, wie nebenbei. Hartung nimmt sich in seinen Gedichten als ein fast unbeteiligter Chronist zurück. Nur in den Versen, die dem Sterben der Mutter gelten, gewinnt die Sprache eine zitternde Innigkeit, aber auch sie teilt ihren Schmerz eher heimlich mit.

Mit den aktuellen Gedichten aus diesen Jahren richtet sich die Aufmerksamkeit südwärts, nach Italien, das gute alte Sehnsuchtsland für deutsche Dichter, Rom natürlich, die Spontaneität des Lebens dort, aus dem Körper kommend, nicht dem Kopf. Freier atmen die Rhythmen jetzt, auch Idyllisches klingt an, bleibt aber nie unbedroht. Das zähe Vorurteil jedenfalls, die Verse akademisch geprägter Lyriker seien theoretisch überfrachtet, widerlegt auch Harald Hartung – mit Leichtigkeit. Was man besitzt, braucht man nicht zu beweisen.

Und was weist am Ende die Bilanz aus unter zwei Jahrzehnte langes Gedichteschreiben, diese „langsame Kunst“, außer dem schieren Altern? Flüchtige Spuren nur, und „langsam wachsen Trümmerblumen / darauf, sehr lila, sagst du, und / ich sehe Trümmer und Blumen, Sommer und Staub“. Und ein paar ganz leise Winke des Vertrauens an die Adresse der Weggefährtin.