Jetzt haben die Kabarettisten, Satiriker und Leitartikler allmählich gelernt, daß sie unseren Kanzler ganz, ganz ernst nehmen müssen und nicht unterschätzen dürfen, da bringen die Wähler ein Fragezeichen an – und die Werbefachleute pfuschen dazwischen. Was lesen wir am Montag früh nach der Wahl in der Frankfurter Rundschau? In großen Lettern steht da: „Aus was besteht Kohl zu mehr als 90 %?“ Und klein darunter des Rätsels Lösung: „Weißkohl besteht zu mehr als 90 % aus Wasser! Wählen Sie in Trivial Pursuit 5999 weitere verblüffende Fragen mit 5999 umwerfend spritzigen und überraschenden Antworten.“ Als Schlußpunkt dieser Anzeige für ein Ratespiel vergessen die Werber nicht hinzuzufügen: „Denken Sie bei Ihrer nächsten Wahl an Trivial Pursuit.“ Danke für den Tip. Versprochen!

Unwillkürlich erinnert man sich dabei, beim Gang durch Helmut Kohls Ludwigshafen, wo gerade der Kandidat Johannes Rau einen Wahlauftritt hatte, ein Plakat mit folgender Aufschrift entdeckt zu haben: „Ich wähle Whiskas.“ Was sich die Katzenverpfleger wohl dabei gedacht haben?

*

„Der erste, der mit der Zweitstimme die absolute Mehrheit schaffte: Fiat Panda. Die noch tollere Kiste.“ Diesen Werbetext haben die Autowerber mit folgendem Zusatz versehen: „Zweitstimmen machen auch Punkte. Beweis: der Fiat Panda hält in seiner Klasse die Mehrheit. Na also, da soll noch einer sagen, der Kampf gegen das Establishment lohne sich nicht.“ Da machen sich manche Gedanken, was die Jahre 1968 und 1987 wahrhaft unterscheidet. Die wirkliche Antwort machen die Werber leicht. Nun wird nicht mehr nur Politikwerbung mit den Mitteln der Markenartikelwerbung betrieben, sondern die Markenartikelwerbung imitiert endlich erfolgreich die Politikwerbung, was ja auch über die Zeitverhältnisse einiges sagt. Was wird der nächste Schritt sein?

*

Eine Kategorie für sich allerdings war die Annonce von ce, Consumer Electronic, im Spiegel. Die Schlagzeile lautete: „Wir sind stolz auf unsere Bundesregierung! Guten Tag, sehr geehrter Herr Dr. Kohl. Grüß Gott, sehr geehrter Herr Dr. Strauß. Guten Tag, sehr geehrter Herr Genscher.“ Und dann der Text; ergebenst: „Wir von ce, Consumer Electronic München, wünschen Ihnen zur bevorstehenden Bundestagswahl auf diesem Wege von ganzem Herzen jenen Erfolg, den der von Ihnen erreichte und getragene politische Ordnungsrahmen verdient. Durch die von Ihnen in der abgelaufenen Legislaturperiode geleistete Arbeit kann Deutschland weltweit wieder Flagge zeigen.“ Da handelt es sich nun offenkundig weder um Subtiles noch um Witziges.

Mit einem Anflug hübscher Ironie, einem Schuß Wahrheit und einigem Realitätssinn haben dagegen 2395 Schuhfachgeschäfte für ihre Produkte geworben. Die Schlagzeile der Anzeige: „Lieber Helmut Kohl, lieber Johannes Rau, wir schenken Ihnen zwei Paar gleiche Schuhe ...“ Der Text fährt dann fort: „... die Sie immer daran erinnern sollen, trotz politischer Gegensätze für das Gemeinwohl den richtigen Weg zu finden.“ Auf einem Schachbrett, das im Bild darunter gezeigt wird, sieht man die Hosenbeine und Schuhe eines Mannes, der neben dem Pferdchen stehengeblieben ist, und die eines anderen, liegend, den es erwischt hat. Man könnte sich vorstellen, daß so etwas sogar dem gut gefällt, den es am 25. wirklich erwischt hat.