Von Friedhelm Gröteke

Wohin mit dem hohen Gewinn? Das ist eine Frage, die sich in der europäischen Bekleidungsindustrie nur wenige Unternehmen stellen können. Die Geschwister Benetton aus Italien allerdings gehören dazu. In der vergangenen Woche lieferten sie wieder einmal den Beweis. Die Textilherren aus dem Veneto legten sich eine Versicherungsbeteiligung zu. Sie kauften für etwas mehr als zwanzig Millionen Mark einen 35-Prozent-Anteil an der italienischen Tochtergesellschaft der britischen Versicherungsgruppe Prudential.

Benettons Organisation bietet der kleinen, rasch gewachsenen und bisher etwas unterkapitalisierten Gesellschaft national und international neue Geschäftsmöglichkeiten. Wahrscheinlich wird die Prudential Italiana den Benetton-Läden eigene Versicherungen anbieten, und möglicherweise verkauft die Bekleidungsgruppe ihrerseits außer Pullovern und Jeans demnächst auch Prudential-Policen.

Der Aufstieg der vier Geschwister Luciano, Giuliana, Gilberto und Carlo Benetton aus dem winzigen Ort Ponzano bei Treviso, eine halbe Autostunde von Venedig entfernt, scheint unaufhaltsam. Der Erfolg des vierblättrigen Kleeblatts, das vor dreißig Jahren mit einem gebrauchten Webstuhl anfing, vor zwanzig Jahren die erste Fabrik baute, vor zehn Jahren mit seiner Produktion in Italien bekannt wurde und heute über viertausend exklusiven Partnerläden in aller Welt seine Markenartikel mit der grünen Strickmarke verkauft, gilt als italienisches Lehrstück für wirtschaftlichen Erfolg in einer Branche, der in den siebziger Jahren kaum jemand noch Überlebenschancen gab.

Es ist gewiß ein Kunststück, wenn es einem Unternehmen gelingt, seinen Umsatz fast ein Jahrzehnt hindurch um jährlich zwanzig bis dreißig Prozent zu steigern. Er wuchs auch 1986 wieder um ein Fünftel auf anderthalb Millionen Mark. Wer es bei dieser atemberaubenden Expansion aber auch noch fertigbringt, den Gewinnanteil am Umsatz zu erhöhen, der macht sozusagen einen doppelten Salto. Bei Benetton wanderte 1985 jede zehnte Umsatz-Lira in den Ertragstopf. Bei dieser Netto-Gewinnrate stand das Unternehmen im Vergleich mit den Konkurrenten der Textilindustrie auf einem beneidenswerten Platz. Aber auch in anderen Branchen sind Firmen mit einer derartigen Ertragsstärke nicht gerade dicht gesät.

Haben die Benettons ein Erfolgsrezept? Sicher nicht im Sinne einer wirtschaftlichen Zauberformel. Aber die Geschwister haben eher als mancher andere begriffen, daß Produktionstechnik für sich genommen nicht die größte Kunst ist, die ein mit Mode befaßtes Unternehmen heute beherrschen muß, wenn es am Weltmarkt bestehen will. Im Gegenteil: Es ist besser, soweit wie möglich auf die Produktion zu verzichten, vorausgesetzt, man kann ihr Ergebnis kontrollieren und ihr am Schluß den richtigen modischen Dreh geben.

Wer nach diesem Konzept vorgeht, spart eine Menge Kapital, weil die vorgelagerten Produktionsstufen wegfallen. Außerdem vermeidet er das Risiko großer Lagerbestände. Bei den Benettons sind die eigenen Fabriken nur der „noble Kern“ einer Produktionsorganisation, die sich auf 350 bis 400 kleine Zulieferer stützt. Giuliana Benetton stellt die Kollektionen zusammen. Die Brüder rechnen aus, wo wieviel wovon gemacht wird.