Die sozialistische Regierung hat die Unruhen ZU lange mißachtet

Von Volker Mauersberger

Madrid, im Januar

Die Spannung entlud sich, als der Zug der fast fünfzigtausend Demonstranten vom breiten Boulevard Paseo de Prado in die Calle de Alcalá einbog: In das Sirenengeheul der Polizeiwagen mischten sich plötzlich die schrillen Anfeuerungsrufe vermummter Provokateure, die auf das von Polizisten abgeschirmte Portal des Erziehungsministeriums vorpreschten. Sekunden später barsten Glasscheiben in einem Hagel von Pflastersteinen. "La batalla", die Schlacht, wie die Demonstranten diese Konfrontation später nannten, beendete schlagartig den friedlichen Charakter einer Schüler- und Studentendemonstration, die am Freitag vergangener Woche im Madrider Stadtzentrum begann. Umgestürzte Autos, brennende Molotow-Cocktails und rauchende Müllcontainer, eine prügelnde und schießende Nationalpolizei: Der Protest ging im Chaos unter. Eine sechzehnjährige Schülerin wurde von einem Schuß in den Oberschenkel getroffen, viele Demonstranten und über zwanzig Polizisten blieben verletzt zurück.

Eine hoffnungslose Generation

Spanien erlebt, plötzlich und für die sozialistische clase politica gänzlich unerwartet, einen Protest, der weit über eine spontane Schülerrevolte hinausgeht und ein bis in weite Kreise der Bevölkerung hineinreichendes latentes Mißbehagen artikuliert. Über eine Woche lang haben in allen Teilen des Landes die Schüler aller öffentlichen, zum Teil auch der privaten Schulen zunächst den Ausstand, später den Aufstand geprobt; zuletzt boykottierten fast zwei Millionen Schüler (vornehmlich die drei letzten Jahrgangsklassen der Gymnasien) ihre Schulen. Alle großen Gewerkschaften Spaniens, voran die kommunistischen Comisiones Obreras, schlossen sich den Boykott- und Streikaufrufen von Jung-Gewerkschaftern und Studentenführern an, deren Namen vor kaum zwei Monaten noch niemand kannte.

Der zweiundzwanzigjährige Geschichtsstudent Juan Ignacio Ramos wurde zum Jung-Heros einer Revolte, die nach einer Blitzumfrage der Zeitung El Pais bei 67 Prozent der Befragten Zustimmung findet – und dies, obwohl die Jugendlichen tagelang die Verkehrsadern von Bilbao, Madrid und Barcelona blockierten. "Hoffentlich haben Sie die Demonstrationen überhaupt mitbekommen, die sich in Sichtweite Ihres Amtszimmers abgespielt haben", höhnte der Studentenführer Ramos in einem offenen Brief an Regierungschef Felipe Gonzalez.