Es wird immer komplizierter.“ Soviel ließen Bonner Sicherheitskreise trotz der „absoluten“ Nachrichtensperre am Montag in der Geiselaffäre Cordes/Schmidt durchsickern. Über Vermittler verhandelt nun die Bundesregierung mit den Entführern im Libanon, die offensichtlich dem Familienclan Hamadei angehören. Jetzt sollen auch noch die Iraner ihre Hand im Spiel haben.

Verschärft wird die Lage durch die Drohungen schiitischer Fanatiker, eine Reihe amerikanischer und französischer Geiseln zu ermorden. Im Mittelmeer setzten die Amerikaner zwei Flugzeugträger und einen Hubschrauberträger mit Kurs auf den Libanon in Marsch. Powerplay wie gehabt?

Der Höchst-Manager Rudolf Cordes und der Siemens-Techniker Alfred Schmidt waren Mitte Januar im Libanon entführt worden, nachdem die deutsche Polizei in Frankfurt den mutmaßlichen libanesischen Terroristen Mohammed Hamadei mit neun Litern Flüssigsprengstoff im Gepäck verhaftet hatte. Die Amerikaner verlangen hartnäckig seine Auslieferung. Für sie ist er einer jener Schiiten, die im Sommer 1985 eine TWA-Verkehrsmaschine nach Beirut entführten und einen amerikanischen Staatsbürger ermordeten.

Die Familie Hamadei will mit allen Mitteln verhindern, daß Mohammed ausgeliefert wird. Vorige Woche war auch sein Bruder Abbas – er ist mit einer Deutschen verheiratet und deutscher Staatsbürger – der Polizei in die Hände gelaufen. Wohl auf Zureden seiner nachgereisten Eltern gab Abbas der Polizei einen heißen Tip: Auf einer Wiese beim saarländischen Beckingen lagerten zwölf Liter hochexplosiven Methylnitrats.

Nach den Vereinigten Staaten, Frankreich, Großbritannien und anderen westlichen Ländern hat nun also zum erstenmal die Bundesrepublik eine Geiselaffäre im Libanon zu bewältigen. Vorerst sah es wirklich wie eine „Familienangelegenheit“ aus. Bis Anfang dieser Woche hatte sich immer noch keine der libanesischen Bürgerkriegsfraktionen öffentlich zu den Entführungen bekannt.

Inzwischen weiß man, daß ein Bruder des verhafteten Mohammed, Abdel-Hadi Hamadei, eine höhere Funktion im Sicherheitsdienst der fundamentalistischen „Hisbollah“ („Partei Gottes“) in Beirut einnimmt. Zuvor soll er Mitglied der libanesischen Kommunistischen Partei sowie der schiitischen „Amal“-Bewegung gewesen sein. Die Familie Hamadei stammt aus dem schiitischen Dorf Sawane in einer Region des Südlibanon, die von der UN-Friedenstruppe kontrolliert wird.

Das Nouveau Magazine (ein christliches, aber von den „Libanesischen Streitkräften“ unabhängiges Blatt), will aus gutunterrichteter Quelle wissen, daß Höchst-Manager Cordes erst nach seiner Entführung an Abdel-Hadi Hamadei verkauft wurde. Ursprünglich soll er von einer libanesischen Familie gleichen Namens aus Kmatye entführt worden sein: einer ihrer Söhne sitzt in der Bundesrepublik wegen Auto-Hehlerei im Gefängnis.

Anders als Amerikaner, Franzosen und Engländer erfreuten sich die Deutschen im Libanon bislang relativen Wohlwollens. Zwar mußten auch Bundesbürger im chaotischen Beirut damit rechnen, ausgeraubt zu werden oder bei den tagtäglichen Schießereien ums Leben zu kommen. Aber ihre Staatsbürgerschaft macht sie erst jetzt zu potentiellen Opfern gezielter Anschläge.

Europäer und Amerikaner sind in West-Beirut längst Freiwild für kriminelle Fanatiker und politische Straßenräuber. Heinz Delvendahl, ein dpa-Journalist aus Hamburg, warf im vergangenen April – nach nur zwei Jahren im Libanon – entnervt das Handtuch. Vom ersten Tag an war er in West-Beirut mit Drohanrufen terrorisiert worden; ein bewaffneter Trupp hatte ihm auf offener Straße seinen klapprigen Renault 12 abgenommen; aufgebrochen und ausgeräumt hatte Delvendahl schließlich seine Wohnung vorgefunden. „Zuletzt war ich Fußgänger“, erzählt er, „und versuchte, mich mit einem einfachen Trick gegen Überfälle zu schützen. Auf den Straßen, die meisten sind Einbahnen, ging ich nur noch gegen die Fahrtrichtung. Das erschwert es Entführern, einen zu überrumpeln und in ein Auto zu zerren.“

Derlei Vorsicht oder gar die Hoffnung, man sei doch nicht für Kidnapper interessant, feien freilich niemanden gegen den Ernstfall. „Warum sollten die mich entführen?“ meinte etwa der französische Photograph und Journalist Roger Auque, ein wagemutiger junger Draufgänger, noch vor kurzem. Seit Mitte Januar ist er verschwunden: Zwei bärtige Burschen hatten ihm vor dem Eingang zu seiner Wohnung aufgelauert und in einem weißen Mercedes verschleppt.

Jene wenigen Berichterstatter, die überhaupt noch in West-Beirut ausharrten, waren lebende Zielscheiben für Attentäter und Kidnapper. Manche ließen sich ständig von schwerbewaffneten Milizionären einer der Bürgerkriegsparteien begleiten; andere trauten sich nur noch tagsüber und zusammen mit libanesischen Freunden auf die Straße. Als letzter westlicher Journalist in West-Beirut räumte vorige Woche der ARD-Korrespondent Marcel Pott das Feld.

Seit langem schon konnte es für Ausländer aus westlichen Staaten lebensgefährlich werden, über den internationalen Flughafen nach Beirut einzureisen. Denn auch die bewaffneten Gruppen der Stadt haben Einblick in die Passagierlisten der libanesischen Fluglinie Middle East Airlines. Unverständlich bleibt deshalb, warum Cordes (der ja den Libanon schon seit einiger Zeit kannte) nach der Festnahme von Hamadei wie ein ahnungsloses Greenhorn nach Beirut flog – geradewegs auf den Präsentierteller der Entführer: Sie konnten ihn bequem noch auf dem Weg vom Flughafen ins Stadtzentrum abfangen. Üblicherweise benutzen Europäer einen Schleichweg: Flug nach Damaskus, von dort durch syrisch besetztes, also sicheres Gebiet im Sammeltaxi nach Beirut.

Einmal dort, kann jeder Ausländer zum Terroropfer werden. Im Mai letzten Jahres entführten Kidnapper gar einen Mann, der mit Politik und Bürgerkrieg nicht das Geringste zu schaffen hatte: den 85jährigen französischen Rentner Camille Sontag, einen ehemaligen Gebrauchtwagenhändler, dessen ganzer Luxus aus einer Dreizimmerwohnung in West-Beirut bestand. Er wurde mißhandelt und nach ein paar Monaten wieder freigelassen. Vergangene Woche brachen Entführer erstmals auch jenes einzige Gesetz, das bisher in diesem Krieg ohne jede Regel gegolten hatte: daß Frauen nicht als Geiseln genommen werden. Eine Schweizerin wurde verschleppt, kam kurz darauf aber wieder frei.

Der Bundesregierung war all dies Grund genug, die Deutschen im muslimischen Teil Beiruts – rund 200, die meisten davon Ehefrauen von Libanesen – aufzufordern, das Land zu verlassen. Botschafter Antonius Eitel und sein Stab sind seit Anfang voriger Woche nach Ost-Beirut umquartiert.

Die Regierung in Washington hat amerikanische Bürger gar unter Androhung von Gefängnisstrafen angewiesen, innerhalb von dreißig Tagen aus dem Libanon abzureisen. Die Schweiz schloß ihre Botschaft am Montag. Diplomatisch vertreten sind in West-Beirut nur noch zwei europäische Staaten: Italien und Griechenland. Die Italiener arbeiten ausschließlich mit libanesischem Personal.

Der amerikanische Außenminister George Shultz verglich Beirut mit einer „Stadt im Mittelalter, die von der Pest heimgesucht ist“ und deshalb unter Quarantäne gestellt werden müsse.

Die panikartige Absetzbewegung ist nur allzu verständlich. Derzeit sind in Beirut fast dreißig Ausländer verschollen, die meisten werden vermutlich von terroristischen Schiitengruppen als Geiseln festgehalten. „West-Beirut“, sagt Heinz Delvendahl, „ist ein brodelnder Haufen, in dem selbst die Warlords Überblick und Einfluß verloren haben“. Klar ist nur soviel: Menschenleben zählen wenig – und die Entführer bluffen nicht.

Seit 1975 sind zum Beispiel auch mehr als 3000 Libanesen verschleppt worden und nie wieder aufgetaucht – von ihnen spricht im Westen kaum jemand. Die Frauen der Entführten – sie dürfen laut Gesetz nicht einmal das Bankkonto ihres Mannes antasten – haben sich mittlerweile, so wie seinerzeit die Familienangehörigen der „Desaparecidos“ in Argentinien, zu einem „Komitee für die verschwundenen oder entführten Personen“ zusammengetan.

Auf eine schier unglaubliche Methode, die Freilassung von Geiseln zu erzwingen, verfiel im letzten Mai eine „Unabhängige Bewegung für die Befreiung der Entführten“. Diese Gruppe, so es sie denn wirklich gibt, kidnappte einen christlichen Professor der Amerikanischen Universität Beirut und forderte die Freilassung von mehr als 2000 Muslims, die in den vergangenen zehn Jahren von Milizionären der Christen verschleppt worden seien. Fünf Monate später kam der Professor wieder frei; unbekannt blieb, ob es dafür im Erpressungsdschungel eine Gegenleistung gegeben hat. Gangster sind von politischen Tätern nicht mehr zu unterscheiden. Heckenschützen machen sich in West-Beirut einen Spaß daraus, Menschen abzuknallen. Der deutsche Botschafter Eitel wurde – im August 1985 – aber in Ost-Beirut unter Feuer genommen. Eines der 48 M-16-Geschosse, die auf den gepanzerten Mercedes prasselten, drang durch die Falz einer Seitentür ein und tötete den Fahrer. Eitel war das Opfer (außer)gewöhnlicher Krimineller geworden: die „Billy-Goat“-Bande, die Ziegenbock-Bande, hatte zugeschlagen.

Lang ist die Liste der in den letzten Jahren in Beirut entführten Ausländer. So zufällig es ist, wen sich die Kidnapper greifen, Diplomaten, Geschäftsleute, Professoren, Journalisten, so unmißverständlich sind in der Regel ihre Ziele: meistens sollen verhaftete Gesinnungsgenossen freigepreßt oder die Regierungen mißliebiger Staaten unter Druck gesetzt werden.

Drei spanische Diplomaten wurden vor einem Jahr in der Nähe des Beiruter Flughafens von Kidnappern verschleppt, die unter dem Namen „Die schwarzen Fahnen“ auftraten. Sie forderten die Freilassung zweier libanesischer Schiiten, die 1984 in Madrid einen Mordanschlag auf einen libyschen Diplomaten verübt hatten. Über Vermittlung des „Amal“-Führers Nabih Bern kamen die Spanier ein Monat später wieder frei – Madrid hatte die baldige Abschiebung der Attentäter in Aussicht gestellt.

Auf einen ähnlichen Deal ließ sich Anfang 1985 auch die Schweiz ein, nachdem ihr Geschäftsträger im Libanon, Eric Wehrli, von Geiselnehmern verschleppt wurde. Die Vorgeschichte ähnelt auffällig dem Fall Hamadei: Auf dem Zürcher Flughafen war vor Wehrlis Entführung ein junger, verdächtig nervöser Libanese verhaftet worden: In einem Spezialgürtel um den Leib trug er eine Menge des Sprengstoffs TNT bei sich, die wohl ausgereicht hätte, um – so gestand der Kurier seinen Auftrag – die amerikanische Botschaft in Rom in die Luft zu jagen.

Dazu kam es natürlich nicht mehr, statt dessen nahm die römische Polizei eine Handvoll Helfershelfer des Libanesen fest – und in Beirut schlugen anderthalb Monate später Kidnapper der Schiitengruppe „Islamischer Dschihad“ zu. Nach fünf Tagen Geiselhaft im Keller eines West-Beiruter Apartmentblocks ließen sie Eric Wehrli wieder frei. In der Schweiz verurteilte ein Gericht den libanesischen Sprengstoffkurier im Blitzverfahren und schob ihn alsbald in den Libanon ab.

Klar machten diese Entführungen vor allem eines: Wird irgendwo in einem westlichen Land ein Libanese – ob als mutmaßlicher Terrorist, ob als gewöhnlicher Krimineller – straffällig, dann ist damit zu rechnen, daß seine Familie, religiös oder politisch motivierte Glaubensgenossen versuchen werden, ihn freizupressen.

Hartbleiben oder einlenken – diesmal steht die Bundesregierung vor der heiklen Frage, wie sie sich gegenüber libanesischen Geiselnehmern verhalten soll. Sie handelt jedenfalls nicht nach politischer Opportunität. Dies hätte bedeutet: Mohammed Hamadei schnell und ohne öffentliches Aufheben in den Libanon abzuschieben.

Andere Staaten, zumal solche, denen levantinisches Lavieren aus geographischen Gründen und politischem Kalkül näherliegt, bewiesen in ähnlicher Notlage erstaunliches Geschick. Italien zum Beispiel schaffte es, den mutmaßlichen Drahtzieher eines der aufsehenerregendsten Geiseldramen der letzten Jahre offiziell laufenzulassen: Abu Abbas, jener radikale Palästinenserführer, der im Herbst 1985 bei der Entführung des italienischen Kreuzfahrtschiffes „Achille Lauro“ erst als Regisseur, dann als Vermittler fungiert hatte, landete nicht in einem amerikanischen Gefängnis, sondern nach einem kleinen Umweg über Belgrad wieder im Nahen Osten.

Das kam so: Nachdem US-Marineflieger die Boeing 737 der EgyptAir, welche die palästinensischen Entführer der „Achille Lauro“ nach Tunis bringen sollte, über dem Mittelmeer abgefangen und zur Landung auf Sizilien gezwungen hatten, forderte Washington die Auslieferung. Die Italiener setzten seelenruhig die vier Palästinenser in Haft – Abu Abbas und seinen Adlatus aber eiligst auf einen Linienflug von Rom nach Belgrad.

Der amerikanische Botschafter in Rom schäumte, das Weiße Haus fand Abbas’ Abgang „unbegreiflich“; Premierminister Bettino Craxi wandte ein, Abbas habe einen irakischen Diplomatenpaß besessen, also Immunität. Wenige Tage später war das Gezeter von Schlamperei und transatlantischem Treueverrat wieder vorbei – nun freuten sich offenbar alle Beteiligten über den glimpflichen Ausgang der Affäre.

Mit milder Bestrafung konnten die vier Kidnapper der „Achille Lauro“ rechnen. Im ersten Prozeß wurden sie noch zu Haftstrafen zwischen sechseinhalb und neun Jahren verurteilt. Im vergangenen Mai reduzierte ein Genueser Berufungsgericht das Strafmaß für drei der vier Palästinenser bis auf zwei Jahre.

Wie heiße Kartoffeln behandelt die italienische Justiz auch ein mutmaßliches Terroristenpärchen aus dem Libanon, das der Polizei im August 1984 an der jugoslawischen Grenze auffiel: Es hatte mehr als sieben Kilogramm Plastiksprengstoff dabei. Vor wenigen Wochen hat Geheimdienstchef Vincenzo Parisi laut darüber nachgedacht, wie man sich der ungebetenen Gäste möglichst schnell entledigen könnte. Kein Wunder, denn die beiden gehören angeblich zur Führungscrew der FARL („Fraktion bewaffneter revolutionärer Libanesen“), jener Terrorgruppe, die letzten September in Paris Bluttat um Bluttat beging, um die Freilassung ihres Anführers, Georges Ibrahim Abdallah, zu erzwingen. Frankreich war in den letzten Jahren für Erpressung durch Geiselnehmer besonders anfällig, denn es möchte seine traditionelle Großmachtrolle im Nahen Osten weiterspielen – bis 1945 war es Mandatsmacht im Libanon und in Syrien – und als Waffenexporteur im Geschäft bleiben.

Das Unheil hub im März 1985 an, als im Libanon drei französische Diplomaten von der FARL, einer früher einmal von Syrien dirigierten christlich-marxistischen Gruppe, verschleppt wurden. Ihr Chef Abdallah soll in Frankreich vor Gericht gestellt werden, da man ihn als Mittäter an der Ermordung eines amerikanischen Militärattaches und eines israelischen Botschafters verdächtigt. Ähnlich wie heute im Fall Cordes/Schmidt scheint es sich um eine „Familienangelegenheit“ zu handeln; mehrere Brüder sind Kader der FARL.

Der sozialistische Außenminister Roland Dumas erreichte es – mit Hilfe des algerischen Botschafters im Libanon –, daß eine der Geiseln schon nach neun Tagen wieder frei kam. Dann aber funkte die französische Spionageabwehr dazwischen: Sie beschaffte sich bei einer Razzia in Paris Beweismaterial gegen Abdallah – der Handel war geplatzt, die Algerier zogen sich zurück, und die beiden Diplomaten saßen Anfang des Monats immer noch in Gefangenschaft.

Der Fall wurde noch verzwickter, als im Mai 1985 die Geheimorganisation „Islamischer Dschihad (Heiliger Krieg)“ den Soziologen Michel Seurat und den Journalisten Jean-Paul Kauffmann kidnappte. Für diese Geiseln verlangten sie einen Libanesen zurück, der 1980 in Paris den früheren iranischen Premierminister Schahpur Bachtiar ermorden wollte. Außenminster Dumas schickte heimlich Emissäre nach Teheran und Damaskus. Die Spannungen zwischen dem syrischen Präsidenten Hafis Assad und dem Mullah-Regime in Teheran erschwerten jedoch die Verhandlungen.

Eine Woche vor der Parlamentswahl in Frankreich im März 1986 schlugen die Terroristen erneut zu. Diesmal in der klaren Absicht, den Wahlkampf auszunutzen und „den Satan“ Frankreich zu demütigen. Zunächst schockten sie die Nation mit der Meldung, sie hätten Seurat hingerichtet, weil er für den französischen Geheimdienst gearbeitet habe. Noch ein halbes Jahr zuvor hatten ihm die Entführer erlaubt, für ein paar Stunden Frau und Kinder wiederzusehen und Bücher abzuholen. Die Bluttat wurde zugleich als Vergeltungsakt ausgegeben: hinter dem Rücken des Außenministers hatte nämlich der französische Innenminister zwei iranische Regimegegner an Bagdad, also dem Henker, ausgeliefert.

Gleichzeitig mit der Schreckensnachricht kam die Kunde von der Entführung eines französischen Kamerateams: es hatte gerade Mitglieder des „Islamischen Dschihad“ gefilmt, um dessen Ziele publik zu machen. Wer genau sie entführt hatte („Dschihad“ dementierte) und ob Damaskus oder Teheran dahintersteckte, war nicht auszumachen. Der sozialistische Premierminister Laurent Fabius gab sich kurz vor der Wahl im Fernsehen jedenfalls eisenhart: „Die Entführer müssen wissen, daß wir nicht nachgeben werden.“

Schon nahm der französische Flugzeugträger „Foch“ samt einem Flottenverband Kurs auf die libanesische Küste. Tatsächlich aber ließen die Sozialisten über einen Vermittler doch mit den Entführern verhandeln. Immerhin setzten sie durch, daß der irakische Präsident Saddam Hussein die beiden ausgelieferten Regimegegner begnadigte.

Das neue französische Kabinett unter Jacques Chirac erbte die schlimme Geiselaffäre. Auch Chirac trat nach außen trotzig auf, im Ton härter noch als die Sozialisten. Aber der Draht nach Damaskus und Teheran riß nicht ab. Paris zahlte sogar die erste Rate einer Milliardenanleihe an den Iran zurück, die einst der Schah für die Uranaufbereitungsanlage Eurodif gewährt hatte. Auch ein weiterer iranischer Wunsch wurde erfüllt: Frankreich wies den Chomeini-Gegner und Chef der „Volksmudschaheddin“, Massoud Rajavi, außer Landes. Bald darauf wurden zwei Männer des entführten Kamerateams auf freien Fuß gesetzt.

Selbst nach der Bombenserie der FARL im September blieb Chirac auf seiner pragmatischen Linie. Den Syrern wurden Entwicklungskredite und wohl auch Waffen angeboten. Mit scheinbarem Erfolg: Im November ließ eine „Organisation revolutionärer Gerechtigkeit“ zwei französische Geiseln laufen, von deren Entführung man in Paris noch gar nichts wußte. Zu Weihnachten ließen die Schiiten wieder einen aus dem Kamerateam frei. Die beiden Diplomaten jedoch und der Journalist Kauffmann blieben in Geiselhaft; sie durften lediglich Briefe an ihre Familien schreiben.

Äußerst schwierig ist es, kalkulierbare Verhandlungen mit radikalen Schiiten zu führen. Selbst die höchste Bedrohung, der Tod, ist für sie nichts Abschreckendes, sondern, im Gegenteil, die ehrenvollste Art, für Allah einzustehen. Ihr Hang zum Märtyrertum macht sie unverwundbar. Dagegen gibt es keine Sanktionen nach westlichen Begriffen. Hinzu kommt, daß ihre Religion Drusen und Schiiten erlaubt, zu lügen und sich zu verleugnen. Beiruter Entführer können also, je nach Kalkül, mal als „Hisbollah“-Kämpfer gegen den verderbten Westen, mal als Familienmitglieder auftreten, die nur ihren Bruder nicht im Gefängnis wissen wollen.

Wie es den Sowjets gelungen ist, ohne Verhandlungen binnen kurzer Zeit drei Geiseln freizubekommen und seither von neuen Geiselnahmen verschont zu bleiben, ist bis heute ein Rätsel. Im Oktober 1985 – damals kämpften gerade in der Hafenstadt Tripoli kommunistische Gruppen zusammen mit prosyrischen Milizen gegen muslimische Fundamentalisten – waren vier Mitglieder der sowjetischen Botschaft in Beirut von einer sunnitischen Gruppe entführt worden; ein Botschaftssekretär wurde sofort ermordet („Wir haben Gottes Urteil an der ersten Geisel vollzogen“). Der Tod der anderen drei wurde angedroht, ebenso die Sprengung der Botschaft.

Dann wuchs Gras über die Geschichte. Bild verbreitete vorige Woche die Mär, die Sowjets baten damals ihrerseits vier arabische Terroristen geschnappt, einen getötet und die zerstückelte Leiche an die Entführer geschickt. Darauf seien die drei Sowjetdiplomaten sofort freigekommen. Nach einer anderen Version haben die Agenten der Sowjets keinen umgebracht, wohl aber abgetrennte Gliedmaßen per Post verschickt. Version Nummer drei: Moskau übte blutige Rache an Verwandten und Freunden der Entführer.

In eine regelrechte Falle gelockt wurden Ende Januar die letzten amerikanischen Opfer im Libanon. Vier Professoren des kleinen amerikanischen College in Beirut glaubten, man habe sie gerufen, um Überlebenstips für Beirut zu geben. Abgeholt wurden sie von vermeintlichen Instruktoren, die das rote Barett der libanesischen Armee trugen. Es waren jedoch Abgesandte einer neuen Gruppe „Islamischer Dschihad-Organisation für die Befreiung Palästinas“ (die Israelis freilich schieben die Tat den Palästinensern der PLO in die Schuhe). Mit vorgehaltener Waffe zwangen sie die vier Lehrer, drei Amerikaner und einen Inder, in einen bereitstehenden Jeep und verschwanden mit ihrer Beute im Labyrinth von West-Beirut.

Innerhalb von knapp zwei Wochen haben Terrortrupps im Libanon nunmehr elf Ausländer verschleppt. Selbst den Abgesandten des anglikanischen Erzbischofs von Canterbury, Terry Waite, über die Jahre auf vielen Libanonreisen zum meistbeschäftigten Unterhändler bei Geiselbefreiungen geworden, halten seine Verhandlungspartner jetzt fest. Waite hatte sich am 20. Januar auf geheime Mission ins Bekaa-Tal begeben, um dort mit den geistlichen Herren der „Hisbollah“ zu konferieren. Seine vier drusischen Leibwächter ließ er im West-Beiruter Hotel zurück.

Drusenführer Walid Dschumblat, Arbeitsminister in der libanesischen Marionettenregierung und Vertrauensmann des hünenhaften Vermittlers aus London, bot sich nun als Austauschgeisel an („Ich will nicht beschämt werden“). Angeblich war es Dschumblat, der Waites jüngste Reise veranlaßt hatte.

Waite hatte schon seit Weihnachten in London auf gepackten Koffern gesessen; seine Abreise verzögerte sich jedoch immer wieder. Sowohl die britische Regierung als auch Freunde im Libanon rieten ihm ab. Waite war nach den Indiskretionen über amerikanische Waffengeschäfte mit dem Iran ins Zwielicht geraten. War er womöglich in Machenschaften des amerikanischen Sicherheitsrates und des Geheimdienstes CIA verstrickt?

Herausgestellt hatte sich beispielsweise, daß zwei Geiseln, der presbyterianische Missionar Benjamin Weir und der katholische Priester Lawrence Jenco, ihre Freiheit nicht der Überredungskunst des furchtlosen Terry Waite verdanken, sondern der Lieferung amerikanischer TOW-Luftabwehrraketen.

Und Ende vergangener Woche behauptete Yassir Arafats Sicherheitschef Abu Ijad, daß eine weitere Geisel, der Spitalverwalter David Jacobson, im November 1986 nach 17monatiger Verschleppung für zwei Millionen Dollar freigekauft wurde. Das Lösegeld sei in bar von Terry Waite überbracht worden; es stamme aus privaten Spenden amerikanischer Millionäre. Waren es vielleicht jene geheimnisvollen Dollarmillionen, die der ingeniöse Oberstleutnant Oliver North, der vorläufige Sündenbock des „Irangate“-Desasters, dem texanischen Multimilliardär Ross Perrot abgebettelt hatte? Perrot hatte erklärt, er habe den Weg seines patriotischen Scherfleins nur bis Zypern verfolgen können. Dazu das Weiße Haus: Die Vereinigten Staaten zahlen grundsätzlich weder Lösegeld an Entführer, noch ermutigen sie irgend jemanden dazu.

Wer ist dieser Terry Waite? Der Sohn eines Dorfpolizisten aus Styal im nordenglischen Cheshire hat als Beauftragter des Erzbischofs von Canterbury (offiziell ist er Berater für anglikanische Kirchenfragen) in den vergangenen fünf Jahren zehn Geiseln zur Freiheit verholfen.

Erstmals machte der imposante Riese, zwei Meter groß und über hundert Kilo schwer, 1981 nach dem Sieg der iranischen Revolution von sich reden. In Teheran hatten die neuen Machthaber drei anglikanische Missionare eingesperrt. Waite, der schon zuvor, als Sekretär des Erzbischofs von Uganda, Ruanda und Burundi, am Hofe Idi Amins den Umgang mit schwierigen Herrschern gelernt hatte, imponierte den iranischen Revolutionsgardisten mit schierer Körperkraft: Er besiegte sie im Zweikampf beim Armdrücken – nötiger Nachdruck für seine Argumente.

„Man braucht nur etwas Hausverstand und muß in der Lage sein, einen persönlichen Kontakt herzustellen“, lautet sein Erfolgsrezept. 1985 erprobte es Waite bei Verhandlungen mit dem libyschen Obersten Muammar Ghaddafi, der vier Briten gefangen hielt. Stundenlang diskutierten die beiden Männner über theologische Probleme. Anschließend drang lautes Lachen aus dem Zelt. „Ghaddafi und ich konnten miteinander Witze reißen“, berichtete der Engländer. Innerhalb weniger Tage waren die britischen Gefangenen frei – ohne jede Gegenleistung; Waite hatte lediglich versprochen, sich um libysche Häftlinge zu kümmern, von denen Ghaddafi fürchtete, sie würden in englischen Kerkern mißhandelt und gefoltert.

Im Libanon verging dem allzeit bereiten Vermittler, dem seine Freunde eine spitzbübische Pfadfindernatur bescheinigen, bald das Lachen. Hier reichten gute Worte allein nicht aus; er wurde zur Figur in einem viel größeren Spiel. „Wenn ich in ein Auto steige, weiß ich nie, ob ich auch wieder heimkehren werde“, meinte der vierfache Vater noch vor wenigen Wochen: „Ich bin mir durchaus im klaren, daß auch ich als Geisel genommen werden kann – niemand ist sicher.“ In trüber Ahnung hatte Waite im erzbischöflichen Palast von Lambeth eine Erklärung mit der Anweisung hinterlegt, ihn im Entführungsfall weder auszutauschen noch freizukaufen.

Seit einiger Zeit floriert in Beirut auch der Handel mit Geiseln. David Hirst, Korrespondent des britischen Guardian, ist davon überzeugt, daß die Wegelagerer, denen er im vergangenen Jahr knapp entkommen ist, „ganz gewöhnliche Kriminelle“ waren, die ihn an den höchstbietenden Miliz-Führer verschachern wollten.

Auch jene drei Verschleppten (die britischen Lehrer Leigh Douglas und Philip Padfield sowie der amerikanische Bibliothekar Peter Kilburn), die im April 1986 angeblich aus Rache für den amerikanischen Bombenangriff auf Libyen „hingerichtet“ wurden, sind wahrscheinlich Opfer eines Menschenhandels gewesen. Der prolibysche Terrorkomandant Abu Nidal soll eine Million Dollar pro Kopf für die Todgeweihten bezahlt haben.

Entführte, die mit ihrem Leben davonkommen, werden in aller Regel vergattert, nichts über ihren Aufenthalt oder ihre Behandlung zu verraten; allenfalls dürfen sie Nettes über ihre Bewacher oder Positives über deren politische Ziele verbreiten. Und die meisten halten sich daran, um vor Repressalien sicher zu sein. Einige jedoch ließen sich nicht den Mund verbieten.

Der amerikanische Professor Frank Regier, der zwanzig Jahre in Beirut gelehrt hatte, wurde in der Gefangenschaft geprügelt, mit dem linken Fuß an einen Heizungsradiator gekettet und mußte mit verbundenen Augen regungslos in Kauerstellung verharren. Er hatte jedoch Glück: Spielende Kinder entdeckten den Verschleppten nach zwei Monaten in einem leerstehenden Haus und alarmierten eine Streife der „Amal“-Miliz, die Regier befreite.

Mißhandelt wurde auch Jerry Levin, ein Korrespondent der Fernsehgesellschaft Cable News Network. Auch er erfuhr nicht, warum er festgehalten wurde. Auch er verbrachte elf Monate mit verbundenen Augen in Einzelhaft. Er konnte sich selber aus seinem Kerker im Bekaa-Tal befreien; heute glaubt er, seine Entführer hätten ihn auf syrischen Druck hin entkommen lassen.

Manche Geiseln verbrachten ein Jahr und mehr in der quälenden Einsamkeit von Kellerverliesen. Immer wieder wurden sie mit Klebeband zu Menschenbündeln verschnürt, in einen Kofferraum oder in einen Sarg gepfercht und zu einem neuen Versteck transportiert.

Relativ erträglich hatte es hingegen das französische Kamerateam, das im März letzten Jahres entführt wurde. Die vier Männer durften sich in einem Raum frei bewegen, konnten sich rasieren und duschen. Sie bekamen französische Literatur zum Lesen und täglich drei Mahlzeiten plus eine Tagesration von drei Zigaretten.

Hinter den meisten Entführungen im Libanon steckten Söldner der „Dschihad“-Milizen. Nach der Entführung der vier Professoren drohten die Geiselnehmer: „Wir werden das Ultimatum nicht verlängern ... und die vier US-Geiseln hinrichten und ihre Leichen in Mülleimer auf Zypern werfen.“ Ihre Forderung: Israel soll binnen einer Woche 400 nicht näher bezeichnete Palästinenser aus der Haft entlassen. Am Montag erweiterten sie ihr Ultimatum: Keine Geisel käme frei, solange noch ein Muslim in Amerika, Europa, Israel und Kuwait im Gefängnis schmachte.

Bereits seit langem verlangt der „Dschihad“ die Freilassung von 17 Kameraden, die nach Sprengstoffanschlägen auf die Botschaften der Vereinigten Staaten und Frankreichs in Kuwait eingekerkert sind. Vor allem geht es der Kidnapper-Bande um den Anführer und Bombenbastler Mustafa Yousef alias Elias Fuad Saab. Er ist ein Vetter aus dem mächtigen Familienclan des Hossein Mussawi. Dieser junge Lehrer und Bewunderer Chomeinis hat die Privatarmee der Familie der iranischschiitischen „Hisbollah“ (Partei Gottes) zur Verfügung gestellt.

Die amerikanische Regierung reagierte stets gleich abweisend auf die stereotypen Forderungen der Schiiten: keine Verhandlungen, kein Druck auf Kuwait. Angehörige der Entführten wurden immer unwirsch aufgefordert, in der Öffentlichkeit den Mund zu halten, um kein Leben zu gefährden. Endlich platzte Peggy Say, der Schwester des seit März 1986 entführten Beiruter Bürochefs von Associated Press, Terry Anderson, der Kragen. Bei einer Aussprache mit Vizepräsident George Bush unterbrach sie seine diplomatischen Floskeln: „Sie sind ein ganz kalter Fisch.“

In einem anderen Fall waren die Vereinigten Staaten indes fieberhaft um die Freilassung einer Geisel bemüht: William Buckley, Leiter der CIA-Station von Beirut, war dem „Dschihad“ 1984 in die Hände gefallen. Washington war überzeugt, der Geheimdienstmann habe unter der Folter ausgepackt. Man wollte sich auch nicht mit der Nachricht abfinden, Buckley sei schon 1985 ermordet worden oder in einem Teheraner Krankenhaus an den Folgen der Folter gestorben.

Inzwischen hatten Reagans Sicherheitsleute einen anderen Ausweg aus dem libanesischen Geisellabyrinth gefunden: jenes unter dem Namen „Irangate“ sattsam bekannt gewordene Dreiecksgeschäft mit den Mullahs und den Contras. Waffen und Millionen wechselten die Besitzer; vier amerikanische Geiseln wurden freigekauft. Mittlerweile – alles umsonst? – waren fünf neue verschleppt. Noch Ende Dezember 1986 traf sich George Cave, ehedem Washingtons bester Agent in Persien, mit seinen iranischen Konfidenten. Nun reichte es den Persern aber: Die Verhandlungen seien abgebrochen, denn „wir haben die Geiseln“.

Nachdem die peinliche Affäre bei einem Fraktionskampf der Mullahs in Teheran aufgeflogen war, schwand auch die letzte Hoffnung der amerikanischen Geiselbefreier. Selbst die Bibel hatte versagt.

Am Wochenende mußte das Weiße Haus eingestehen, Präsident Reagan habe tatsächlich der Islamischen Republik Iran eine eigenhändig signierte, in feines Leder gebundene Heilige Schrift geschenkt. Der Versöhnung erheischende Widmungsvers stammt aus dem Brief des Heiligen Paulus an die Galater:

„Die Schrift aber hat es vorausgesehen, daß Gott die Heiden (in der englischen Originalhandschrift: nations;. D.Z.) durch den Glauben gerecht macht. Darum verkündigte sie dem Abraham: ‚In Dir sollen alle Heiden gesegnet werden.‘“

Mitgearbeitet hat Andrea Nüsse, Beirut