Erika Manns Buch über „Die Erziehung der Jugend im Dritten Reich“

Von Willy Hochkeppel

Im Mai 1937 ist in einem Leitartikel der Frankfurter Zeitung zu lesen, daß bei den jüngsten Musterungen an erster Stelle der typischen Gebresten diejenigen der Füße stünden, „die unter der Rubrik .Plattfuß’, ,Knickfuß‘ und so weiter“ registriert seien.

Das waren nicht ungefährliche Meckereien, denn mit Hitlers Machtübernahme war das Marschieren nahezu zur natürlichsten Fortbewegungsart der Deutschen geworden – Marschieren bis zur Bewußtlosigkeit, bis zum Senkfuß (und bis alles in Scherben fiel). „Der Plattfuß also, – neben Riesennase und Negerlippen der beliebteste Scherzartikel für antisemitische Karikaturisten, er ziert nachgerade 37 bis 38 Prozent der dienstpflichtigen jungen Arier in Deutschland“, resümiert Erika Mann als einziges erheiterndes Kuriosum aus jenen Tagen; in einem Buch, das sie 1938 in der Emigration, in New York, in englischer Sprache herausbrachte, des Titels „School of Barbarians. Education under the Nazis“.

Nach drei Monaten sollen bereits 40 000 Exemplare verkauft worden sein. Im selben Jahr erscheint eine deutschsprachige Ausgabe im Querido-Verlag in Amsterdam, die natürlich im „Reichsgebiet“ nicht mehr erhältlich ist. Erst jetzt kommt dieses bemerkenswerte und für mich in vielerlei Hinsicht erstaunliche Buch Erika Manns in Deutschland heraus, dank der edition spangenberg im Münchener Ellermann Verlag, freilich unter dem blassen und eher irreführenden Obertitel: „Zehn Millionen Kinder“ und dem äußerst neutralen Untertitel „Die Erziehung der Jugend im Dritten Reich“.

Erstaunlich scheint mir an diesem Buch Erika Manns zunächst einmal, daß es fast ein halbes Jahrhundert nach der schon in Deutsch vorliegenden Erstveröffentlichung in unserem Land erscheint. Darüber könnte man ins Grübeln geraten. Erstaunlicher, und bewundernswerter, ist freilich, wie genau nachvollziehbar Erika Mann auf nur rund 190 Seiten das bedrückende Lebensgefühl und das trostlose Klima der NS-Vorkriegsära von 1933 bis 1938 heraufzubeschwören vermochte, obwohl sie doch nichts mehr davon am eigenen Leibe erlebt hatte. Vater Thomas schrieb, offenbar selbst verblüfft, ins Vorwort, wie bei aller thematischen Beschränkung ein „umfassendes und vollständig unterrichtendes Charakterbild des Hitlerstaates“ zustande gekommen sei, „ein so ausreichendes wirklich, daß ein Fremder, der in diese unheimliche Welt“ eindringen möchte, behaupten dürfe, er kenne sie nach Lektüre dieses Buches. Das trifft aufs Wort zu, obwohl auch Thomas Mann sich sowenig wie seine Tochter auf Erlebnisse der geschlossenen deutschen Gesellschaft nach Hitlers Machtübernahme, von der beide im Schweizer Exil vernahmen, berufen konnte.

In den USA stand Erika Mann später ein umfangreiches dokumentarisches Material zum nationalsozialistischen Erziehungsprogramm zur Verfügung. Hautnahes, Erlittenes lieferten ihr Berichte und Schilderungen von Flüchtlingen und Emigranten. Was hernach weder die zahllosen romanhaft autobiographischen noch die historisch dokumentarischen Darstellungen je für sich vermocht haben, gelang Erika Mann mit einem Konzentrat der ihr vorliegenden Zeugnisse: ein visionärer, lebensunmittelbarer Bericht, eine historische Erzählung, in der Typisches und Singuläres so verschränkt sind, daß das Allgemeine entlarvend im Besonderen aufscheint, und umgekehrt. Und die Ferne hat ihr allem Anschein nach dazu verholfen, als symptomatisch und auffällig zu kennzeichnen, was den Betroffenen in der Nähe schon fast fraglos alltäglich, schon zur zweiten Natur geworden war. Zum Beispiel, daß in der „schwer atembaren Luft“ des schleunigst und so radikal um- und gleichgeschalteten Deutschlands die deutschen Kinder „fünfzig bis 150mal am Tag“ „Heil Hitler“ sagen, mit ausgestrecktem Arm, daß sie am Morgen mit „Heil Hitler“ das Haus verlassen, vorbei am gefährlichen Blockwart, daß sie es sagen „in den Tag hinein, achtlos“.