Von Ernst Klee

Im Juli 1980 lud der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt zu einer "Walpurgisnacht" in den Park des Bundeskanzleramtes. Beim Sommerfest des Kanzlers stand u. a. der Mephisto-Walzer auf dem Programm. Bis zum ersten Hahnenschrei war zum "Tanz auf Deibel komm raus" gebeten.

Rechte Protestanten, die sich Evangelikale nennen, sahen den Teufel am Werk: "Wir sind tief erschütten", hieß es vorab in einem Aufruf, nennen, solche gotteslästerliche Veranstaltung vom Bundeskanzleramt, dazu noch im Blick auf die bevorstehenden Bundestagswahlen, durchgeführt werden soll." Wer sich solchem Treiben hingebe, lehne sich gegen Gott auf und stehe unter seinem "dahingehenden Gericht".

Die düstere Prophezeiung erfüllte sich: Die sozial-liberale Koalition zerbrach. Ob dies evangelikale Gebete bewirkt haben, ist gewiß Glaubenssache.

Seit dem Machtwechsel wenden die Recht- und Rechtsgläubigen ihre Augen voll Wohlgefallen gen Bonn. Evangelikale und Christdemokraten, so die katholische Zeitschrift Publik-Forum, "führen alle 14 Tage ein exklusives Gebetsfrühstück durch". Ein eigener Kontaktmann – neben dem Bevollmächtigten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) – tritt ab evangelikaler Glaubenslobbyist auf.

Mitglieder des Hauptvorstandes der "Deutschen Evangelischen Allianz", dem Dachverband der Evangelikalen, haben sich 1985 zweimal mit Vertretern der Bundesregierung getroffen. Beim zweiten Treffen, November 1985, nahmen drei Staatssekretäre, Staatsminister Friedrich Vogel und Entwicklungshilfeminister Jürgen Warnke teil.

Statt Exorzismus stand Absolution und Segen auf dem Programm. Der Allianz-Vorsitzende und Diakonievorsteher Fritz Laubach in seiner Ansprache: "Die Deutsche Evangelische Allianz: ist dafür dankbar, daß die Bundesregierung zu einer Wende geführt hat im Sinne der Stabilisierung des Bündnisses und der Sicherheitspolitik sowie der Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik." Der Diakonievorsteher: "Wir gehören nicht zu denen, die dauernd vom Abbau des sozialen Netzes reden." Den Christdemokraten dürfte das Pauschallob Labsal gewesen sein. Zum nächsten Treffen, am 28. Januar 1986, erschien der Bundeskanzler höchstselbst.