Wie gut, daß es einen Unterschied zwischen echten Wirtschaftsgütern und Müll gibt. Denn wäre das radioaktive Molkepulver, das monatelang auf dem Rosenheimer Bahnhof herumstand, von Anfang an schlichter Abfall gewesen, Bayerns Umweltminister Alfred Dick (CSU) hätte sich eine Lösung einfallen lassen müssen, wie die rund siebentausend Tonnen strahlenverseuchter Molke vom Abstellgleis beseitigt werden können – umweltfreundlich.

Doch glücklicherweise fand die Eigentümerin des bis zu siebentausend Becquerel pro Kilo belasteten Pulvers, das Milchverarbeitungsunternehmen Meggle aus der Gegend von Wasserburg, für einen Teil des seit Ende Juli herumstehenden Trockenpulvers einen Abnehmer. Plötzlich war aus dem vermeintlichen Abfall ein Wirtschaftsgut geworden, nämlich ein Futtermittel. Und für solche Dinge sind die Politiker nicht zuständig. Umweltminister Dick konnte verkünden: „Der Verkauf des Molkepulvers von Privat an Privat begründet keinen Handlungsbedarf der öffentlichen Hand.“

Bayerns Politiker waren aus dem Schneider. Da spielte es dann auch keine Rolle mehr, daß die Firma, der Meggle das unheimliche Zeug verkaufte, schon anderthalb Jahre zuvor pleite gemacht hatte – und das auch noch unter wenig rühmlichen Umständen. Die Lopex Ingenieurgesellschaft für chemisch-technische Anlagen und Produkte GmbH in Linden bei Gießen war eine so armselige Firma, daß der vom eigenen Geschäftsführer gestellte Konkursantrag mangels Masse abgelehnt werden mußte und das zuständige Finanzamt noch heute auf 95 000 Mark Steuern von der Pleitefirma wartet. Das hinderte die dreisten Lopex-Manager indes nicht daran, auch weiterhin noch Geschäfte zu betreiben.

Das Ergebnis dieses Handels ist immerhin, daß neben Rosenheim nun auch noch Bremen und Köln zu Abstellplätzen für die radioaktive Trockenmolke geworden sind und niemand weiß, was mit dem normalerweise als Viehfutter verwendeten Konzentrat passieren soll. Die für den Umweltschutz zuständigen Ministerien der beteiligten Länder Bayern, Bremen und Nordrhein-Westfalen sind ratlos. Unangenehm ist vor allem den Bayern, daß die Öffentlichkeit von der Reise des Molkepulvers Wind bekommen hat.

Doch es hätte die Beteiligten überhaupt nicht überraschen dürfen, daß die Bevölkerung mitbekommt, daß plötzlich rund einhundert Molke-Waggons vom Rosenheimer Bahnhof abdampfen. Denn schon seit Ende Juli des vergangenen Jahres wurden die 252 Wagen mit rund fünftausend Tonnen Strahlenmolke auf dem Abstellgleis des Rosenheimer Bahnhofs von den Anwohnern argwöhnisch beobachtet. Zur Beruhigung der mißtrauischen Rosenheimer trug dann auch nicht bei, daß Staatsminister Edmund Stoiber von der Münchner Staatskanzlei einen Vorschlag machte, wie das ungeliebte Zeug verschwinden sollte. Stoiber dachte an die Deponierung auf einem Bundeswehrgelände.

Die Anwohner und die bayerischen Umweltschützer wurden auch nicht ruhiger, als Bayerns Umweltminister im November 1986 in Rosenheim eine hochmoderne Rauchgasreinigungsanlage einweihte und sogleich eine Idee für die sinnvolle Verwendung der örtlichen Verbrennungsanlage hatte: Sie sollte die Molke vom nahegelegenen Gleis beseitigen. Zu diesem Zeitpunkt sah Dick in der Bahnhofsmolke noch Abfall. Doch die Betreiber der Anlage lehnten dankend ab, weil sie Angst vor einer Verpuffung des Pulvers hatten.

Die öffentliche Aufmerksamkeit wurde auch nicht geringer, als der Rosenheimer SPD-Lokalpolitiker Kurt Müller drohte, die Bundesbahn zu verklagen, sollten die Waggons, die nur 180 Meter von seinem Haus entfernt standen, nicht binnen acht Tagen verschwunden sein. Die Wagen verschwanden aus den Augen des Politikers. Sie wurden auf ein anderes Abstellgleis gezogen.