Es passiert an einem warmen, windigen Frühlingstag. Zwei Wochen vor Pfingsten. Die Apfelbäume blühen, und die Rapsfelder leuchten sonnengelb. Gudrun Pausewang braucht für das Szenario ihres Romans „Die Wolke“ keine black fantasy, keine erfundenen Horror-Visionen. Die nüchternen Vorhersagen von Wissenschaftlern genügen.

Das Institut für Energie und Umweltforschung in Heidelberg hat in seiner Studie über die Folgen von Unfällen im Kernkraftwerk Grafenrheinfeld bei Schweinfurt konkrete Ausführungen gemacht. Bei einem „großen Unfall“ in diesem AKW – das heißt: Kernschmelze mit einer Dampfexplosion – sind 46 000 Todesfälle zu erwarten. Diese Studie der IFEU basiert auf Daten der „Deutschen Risikostudie Kernkraftwerke“ von 1979. Herausgeber: das Bundesministerium für Forschung und Technik – eine Quelle also, die ganz unverdächtig ist, sogenannte linke Angstpropaganda zu betreiben. Gegenargumentation der Atomlobby: Die IFEU-Studie beschäftige sich mit Störfällen „im hypothetischen Bereich“. Daher muten die Verwaltungsrichter in Würzburg den Bürgern von Schweinfurt auch zu, das „Restrisiko der Nutzung von Atomenergie“ zu tragen. Das AKW Grafenrheinfeld (193 Brennelemente) wird 1982 in Betrieb genommen. Die Stadt Schweinfurt zieht 1983 seine Klage zurück. Wegen mangelnder Erfolgsaussicht. Soweit die Fakten.

Und nun Pausewangs Fiktion: Fünf Jahre nach Tschernobyl kommt es zu jenem von der Atom-Mafia als hypothetisch bezeichneten „Störfall“ im AKW Grafenrheinfeld.

Wer nicht zu den Verdrängern, Verharmlosen, zu den blinden Gefolgsleuten jener Zukunftspropagandisten gehört, deren einfältige Technologiegläubigkeit den idiotischen Slogan erfand, das umweltfeindlichste an einem Atomkraftwerk sei der Parkplatz für die Mitarbeiter (Zitat aus der Broschüre „Für uns“ der Hamburgischen Electricitätswerke AG), kennt die Details eines Horrorszenarios nach einem möglichen Super-GAU aus der Fachliteratur. Am gründlichsten und umfassendsten hat das Holger Strohm in seiner Dokumentation „Friedlich in die Katastrophe“ beschrieben. Aber wer liest schon 1292 Seiten, auf denen Daten, Fakten und hochkomplizierte wissenschaftlich-technische Zusammenhänge erklärt werden? Vom Funktionieren eines AKWs, über Gen-Manipulationen durch Strahlenschäden, Reaktorsicherheit, „Störfälle“, Transportrisiken radioaktiven Materials, Wiederaufbereitung, Atommüll, Interessenverquickung, Energie-Alternativen bis hin zu den konkreten Folgen eines Atomunfalles ist hier alles akribisch erläutert, was ein Bürger im Atomstaat wissen sollte, aber nicht weiß.

Gudrun Pausewang hat ihre Kenntnisse über Ausmaß und Wirkungen möglicher Atomkatastrophen, ihr Engagement gegen eine von der Atomlobby glorifizierte, de facto aber bis heute nicht beherrschte Technologie in eine Geschichte projiziert, die so oder anders um Grafenrheinfeld, Three Mile Island, Chalk River, Lucens, Browns Ferry, Tschernobyl oder irgendwo sonst in der Welt in der Umgebung einer der 350 Atom-Reaktoren passieren könnte.

Es ist die Geschichte des Mädchens Janna-Berta, die nach dem Super-GAU in Grafenrheinfeld zusammen mit ihrem kleinen Bruder die Flucht vor der tödlichen Strahlenwolke beginnt. Die Eltern und ihr zweiter Bruder kommen mit Zigtausenden anderer Opfer in unmittelbarer Nähe des Katastrophenortes um. Janna-Berta erlebt Panik, Chaos und den totalen Zusammenbruch der Zivilisationstünche. In einem Notlazarett versorgt, wird sie Zeitzeuge von Desinformation, Lügen, Ausflüchten und skandalöser Hilflosigkeit der politisch Verantwortlichen.

Sie zählt mit Hunderttausenden zu den „Hibakusha“, jenen von der Strahlenkrankheit Gezeichneten, den „Aussätzigen“ in einer modernen Gesellschaft, die aus den direkt Betroffenen besteht und jenen, die erst viel später den Krebstod sterben werden.

Es ist ein Szenario des Grauens, eine Lektüre, die quält und fesselt, die auch den Denkfaulsten in unserer Sofa- und Popcorn-Gesellschaft aus bequemer Lethargie reißt.

Das liegt nun keineswegs an literarischer Brillanz, mit der dieses entsetzliche Thema hätte ausgebreitet werden können: es liegt vielmehr an der Schrecken erzeugenden Offenheit der Autorin. Pausewang denkt die Folgen einer Reaktorkatastrophe zu Ende. Sie erspart ihrem Leser nichts, flüchtet nicht in ästhetische Metaphern, sondern informiert. Janna-Berta, eine von Zigtausenden strahlenverseuchter, kranker Menschen, registriert in trauriger Resignation, was der „Unfall“ aus einer wirtschaftlich florierenden Republik gemacht hat: ein wirtschaftlich und sozial gelähmtes Land. Ohne Absatzmärkte, ohne Zukunftschancen. Eine Republik mit Waisenkindern und Strahlenkrüppeln. Ein Land, das zerrissen ist: es gibt Habenichtse, die für Wucherpreise aus dem Ausland unverseuchte Nahrung kaufen müssen, und vermögende Emigranten, die die ausländischen Konsulate bestürmen, um schnell und weit vom Katastrophenort fliehen zu können.

Bücher für junge Leser, so heißt die gängige Phrase verantwortlicher Erwachsener, Bücher für junge Leser sollten „Hoffnung stiften“. Hoffnung? Pausewang artikuliert in ihrem Roman Zorn und Ohnmacht von Bürgern in einer Zuschauer-Demokratie. Bei einem atomaren Unfall aber wären wir nicht mehr Zuschauer, sondern die Geiseln in dieser Katastrophe, sagt der Kernphysiker Benecke.

Unsere Gegenwart sind tote Flüsse, sterbende Wälder, verstrahlte Wiesen und vergiftetes Trinkwasser. Wer die Generation der Heranwachsenden mit Märchenidylle bedient, hat die Moral von Roßtäuschern. Gott sei Dank gibt es eine Vielzahl von Schriftstellern, die sich weigert, ihre Leser mit schön schillernder Ästhetik, verblasener Esoterik und falscher Hoffnung zu bedienen. Eine Hoffnung, die sich nach Günter Kunert als „Undefiniert, faktenunkundig, substanzlos und selbstmörderisch“ entpuppt. Blinde Hoffnung versperrt tätige Einsicht, schrumpft zur leeren Beschwichtigungsformel. Es ist die blöde Hoffnung des Lottospielers, der vage auf das Glück aus der Trommel spekuliert. Es ist die Hoffnung aus „Angst vor der Angst“, wie Günther Anders es genannt hat: „Diese Hoffnung überläßt das Agieren den andern.“ Kunert bilanziert knapp: „Solange auf diese erbärmliche, selbstmörderische Art weitergehofft wird, gibt es für unsere Gattung keine Hoffnung mehr.“

Pausewangs Roman ist der engagierte, mutige Versuch, Abschied von falschen Träumen, von Illusionen zu nehmen. Sie beschwört das Bild der Katastrophe als heilsamen Schock für eine Umkehr. Die Hoffnung der Autorin besteht in ihrem Vertrauen in die menschliche Vernunft.

Ute Blaich

  • Gudrun Pausewang:

„Die Wolke“;

Verlag Otto Maier, Ravensburg; 158 S., 17,80 DM