Keine Patentrezepte im Kampf gegen die Gewalt aus dem Untergrund

Von Dietrich Strothmann

Beirut zum Beispiel: Die libanesische Hauptstadt ist in zwei feindliche Hälften geteilt; in jeder herrschen Milizen, Banden, Kriminelle, die untereinander rivalisieren, teils fremdfinanziert und ferngesteuert agieren (von Damaskus, Teheran, Tripolis), auch "auf eigene Kosten" morden, erpressen. In keinem Teil der Stadt haben Armee und Polizei Autorität. Anarchie und, Gewalt beherrschen die gleichsam apokalyptische Szene der Stadt, die noch dazu durch Bürgerkrieg, syrische und israelische Invasionen zur Hälfte zerstört ist. Hier, im Schlupfwinkel einer der Hausruinen oder in einem benachbarten, ebenfalls vom Krieg heimgesuchten Dorf oder aber im rund hundert Kilometer entfernten Baalbek im Bekaatal werden seit rund drei Wochen die von der proiranisch-schiitischen Hisbollah-Kampftruppe entführten Deutschen Rudolf Cordes und Alfred Schmidt festgehalten.

Wo immer sie sich auch zwecks Erpressung zur Freilassung des kurz zuvor in Frankfurt verhafteten Hisbollah-Anhängers und vermuteten Terroristen Hamadei in "Haft" befinden – gewaltsam werden sie aus den Händen der fanatischen schiitischen Menschenräuber nicht befreit werden können. In diesem Punkt hat der amerikanische Außenminister George Shultz recht, der letztes Wochenende zum Thema "Militäraktion" gegen die Geiselnehmer erklärte: Ein Einsatz lohne sich "nur bei genau definiertem Ziel". Und eben das fehlt im Libanon völlig. Dort könnte gegenwärtig alles und nichts "Ziel" einer ohnedies stets zweifelhaften gewalttätigen Befreiungsaktionen sein.

Schon früher haben die Amerikaner im Libanon mit militärischen Operationen nichts auszurichten vermocht. Nach den brutalen Hisbollah-Anschlägen gegen das amerikanische und französische Hauptquartier der "Internationalen Friedensstreitmacht" im Herbst 1983 mit mehreren hundert Toten ließ Washington Jagdbomber gegen Stützpunkte der Terrorgruppen im östlichen Libanon fliegen – ohne Erfolg. Amerikaner und Franzosen zogen ihre Soldaten unverrichteter Dinge ab; ein US-Pilot, der in syrische Gefangenschaft geraten war, kam erst durch Vermittlung des damaligen Präsidentschaftskandidaten Jesse Jackson bei Staatspräsident Assad frei – wofür Reagan dem sonst als Mordgehilfen gebrandmarkten Damaszener Staatschef ein Danktelegramm schickte.

Sinnloser noch als diese Racheattacken war der vom US-Präsidenten befohlene "Antiterror" – Angriff seiner Bomber auf die libyschen Städte Tripolis und Bengasi im April des letzten Jahres. Anlaß des Bombardements war die angebliche Verwicklung Ghaddafis in den Sprengstoffanschlag auf die Berliner Diskothek "La Belle" gewesen. Ei hätte, so Reagan damals, "unmittelbare, genaue, unwiderlegbare Beweise" für eine libysche Mittäterschaft in Händen. Nichts da – die Spur von Berlin führte schon zu jenem Zeitpunkt eindeutig nach Damaskus. Diese große, historisch bedeutsame, für alle Araber zentrale Stadt konnte der Präsident keinesfalls mit Bomben belegen lassen.

Falsche Mittel, falsche Ziele, falsche Zeitpunkte – im schier ausweglosen Kampf gegen den Kampf aus dem Untergrund sind solche Fehler in der letzten fünfzehn Jahren des aktiven arabischer. Terrors und der versuchten aktiven Terrorgegenwehr noch von allen betroffenen Staaten gemacht worden. Es ist deshalb eher das hilflose Unterfangen einer staatlichen Desinformationskampagne wenn der Bonner Regierungssprecher Friedhelm Ost nach der Entführung der beiden Deutschen in Beirut vollmundig bekanntgab: "Es gibt keinen Hinweis, daß wir unsere Prinzipien ändern." Welche Prinzipien wohl, zu welcher Zeit, aus welchem Anlaß aufgestellt? An Hand etwa dieser höchst unterschiedlichen Fälle?

Nachgeben oder Gewalt üben?

Befreiungsaktion München: Im September 1972 überfiel ein Kommando der Fatah-Organisation "Schwarzer September" das Quartier der israelischen Mannschaft während der Olympischen Spiele, tötete zwei Israelis und nahm neun als Geiseln. Die acht Terroristen forderten die Freilassung von zweihundert in Israel gefangengehaltenen Gesinnungsgenossen. Bei einer gewaltsamen Befreiungsaktion der damals noch unerprobten Polizei kamen trotz günstiger Bedingungen – klares Ziel, eigenes Territorium, zahlenmäßige und waffentechnische Überlegenheit – alle Geiseln und fünf Attentäter ums Leben. Die übrigen drei inzwischen verurteilten Palästinenser mußten im September nach der Geiselkaperung einer Lufthansa-Maschine nach Libyen ausgeflogen werden. Das "Prinzip" gescheiterter Gegengewalt.. .

Austauschaktion Peter Lorenz: Im Februar 1973 entführte die "Bewegung 2. Juni" den Berliner CDU-Politiker während des Wahlkampfes. Die Terrortruppe verlangte die Freilassung von sechs verurteilten Anhängern. Da es unmöglich war, in Berlin mit seinen rund 160 000 Häusern das Lorenz-Versteck ausfindig zu machen, mußte sich Bonn schließlich doch auf den Tauschhandel einlassen, auch wenn dies "kein Freibrief" (Regierungssprecher Bölling) sein sollte. Zwei Wochen nach der spektakulären Entführung wurden, begleitet von Pastor Albertz, fünf Terroristen nach Südjemen ausgeflogen. Einige von ihnen begingen später neue Gewalttaten. Das "Prinzip" gescheiterten Austauschs ...

Befreiungsaktion Mogadischu: Nach der Entführung des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns-Martin Schleyer und der Festsetzung dafür verantwortlicher RAF-Terroristen in Stuttgart-Stammheim kaperte eine palästinensische Gruppe die Lufthansamaschine "Landshut", die nach einem langen Irrweg in Somalia landete. Mit Einwilligung des Präsidenten Barre (der dafür später mit ansehnlicher Entwicklungshilfe belohnt wurde) stürmte eine rechtzeitig eingeflogene Einheit der Spezialtruppe GSG 9, mit britischer Unterstützung, das Flugzeug und rettete die 82 Passagiere. Die Forderung der Piraten, elf Linksterroristen (darunter die Stammheim-Häftlinge) freizulassen, war abgeschlagen, Schleyer aber danach ermordet worden. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt sagte vor dem Bundestag trotz der geglückten Aktion: "Der Terrorismus ist keineswegs tot – weder in Deutschland noch sonstwo auf der Welt." Darum ist auch die stolze Rechnung, die nach Mogadischu aufgemacht wurde, nicht schlüssig: daß deswegen zehn Jahre lang Ruhe an der Terrorfront herrschte. Das "Prinzip" gelungener Befreiungsoperation ...

Im Kampf gegen den "Befreiungskampf" der Terroristen gibt es weder Regeln noch Prinzipien. Jede aktuelle Situation erfordert nach nüchterner, sachlicher Prüfung der Umstände jeweils aktuelle Reaktionen. Und dafür gibt es kein Lehrbuch, keinen Fahrplan, keine praktikablen Dienstanweisungen – ob terroristischen Forderungen nachgegeben werden muß oder nicht, ob im jeweiligen besonderen, einmaligen Fall Lösegeld bezahlt, ausgetauscht oder Gegengewalt geübt werden soll und kann.

Nicht einmal die Israelis selber, die sich dessen so oft und lauthals rühmen, sind jederzeit nachahmenswerte Lehrmeister. Trotz entschiedenen, oft rabiaten Widerstandes gegen die palästinensische Guerilla vermochten nicht einmal sie, die weltweit Erfahrensten in der Terrorbekämpfung, die Geißel der Gewalt zu beseitigen.

Erst hatten sie sich die jordanischen Basen der Fedajin zum Ziel genommen, die nach 1967 fast täglich Anschläge in Israel verübten. Damit trieben sie die Palästinenser in den Südlibanon. Als sie dann von dort aus angegriffen wurden (Kommandos überfielen Schulen, Dörfer, Hotels, Autobusse, legten Bomben in Jerusalem und Tel Aviv), griffen sie erst 1978 für drei Monate, dann 1982 für zwei Jahre den Libanon an und hofften, den palästinensischen Partisanen endgültig den Boden zu entziehen. Selbst diese kriegsmäßig aufgezogenen und durchgeführten Säuberungsoperationen schlugen fehl. Inzwischen hat sich im Südlibanon unter den radikalen Schiiten eine neue, zahlenmäßig starke, zu Selbstmordaktionen bereite Terrortruppe herangebildet; auch die verjagten PLO-Kampfverbände sind – frisch bewaffnet – wieder in ihre alten Kampfstellungen zurückgekehrt.

Das Prinzip "Gewalt gegen Gewalt", wie es die israelischen Terrorspezialisten praktizierten, war am Ende wirkungslos, trotz aller Überlegenheit. Nicht einmal das pausenlose Bombardement Beiruts ("chirurgische Schläge") im Sommer 1982 hat dem Terror den Garaus machen können. Schon 1972, nach dem Massaker in München, hatte der Chef der "Volksfront zur Befreiung Palästinas", der Kinderarzt Georges Habasch, stolz verkündet: "Wir sind es, die bestimmen, welche Mittel gebraucht werden. In einem Krieg auf Leben und Tod zählt man nicht die Toten. Ein israelisches Massengrab ist Vorbild und Stimulanz." Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Israel sei im "Kriegszustand" gegen den palästinensischen Terror, daher sei es zur Selbstverteidigung gezwungen und berechtigt, verurteile jede Kapitulation, wie sie zumeist von mitbetroffenen westlichen Staaten in billiger Nachgiebigkeit geübt werde (so jüngst im Fall der "Achille Lauro", wo Rom den palästinensischen Chefentführer des gekaperten Kreuzfahrtschiffs, Abu Abbas, unbehelligt nach Jugoslawien ausfliegen ließ). Im Brustton unumstößlicher Überzeugung belehrte erst letztes Jahr noch einmal Verteidigungsminister Jitzhak Rabin seine europäischen Partner: "Israel ist keine Art von internationaler Bank für Terroristen, wo jedwedes Land sich auf unsere Kosten die Befreiung seiner Geiseln kaufen kann."

Mit dem Teufel verhandeln

Ein ehernes Prinzip? Keineswegs. Im Juli 1968 stimmte die damalige Regierungschefin Golda Meir (Rabins Parteifreundin) dem Austausch palästinensischer Gefangener gegen israelische Passagiere einer nach Algier entführten EL-AL-Maschine zu. Das war erst der Anfang einer Politik humaner Nachgiebigkeit Jerusalems in Fällen unumgänglichen Tauschhandels: Im November 1983 ließen die Israelis 4500 verdächtige palästinensische und libanesische Terroristen gegen ganze sechs gefangengenommene Soldaten frei (Verhältnis 1 zu 750), im Juni 1984 für nur drei festgehaltene Armeeangehörige und drei entführte Diplomaten 311 Gefangene, im Mai 1985 sogar 1150 Häftlinge, darunter zu lebenslänglicher Haft verurteilte Mörder (wie jene des Terroranschlags auf den Flughafen Lod), für lediglich drei Soldaten (Verhältnis 1 zu 383), zuletzt im Zusammenhang mit der Entführung einer TWA-Maschine nach Beirut durch Hisbollah-Attentäter auf amerikanischen Druck hin 300 schiitische Terrorverdächtige zugunsten von 145 zu Geiseln genommenen Passagieren.

Wie der israelische Regierungschef Jitzhak Schamir vom rechten Likudblock, so verteidigte auch sein Nachfolger Schimon Peres von der linken Arbeiterpartei diese unverhältnismäßigen "Umtauschaktionen" mit dem klaren Hinweis: Um Menschenleben zu retten, würden sie sogar mit dem Teufel verhandeln. Wenn überhaupt, dann mag dies ein einigermaßen gültiges "Prinzip" in dem nach wie vor ungleichen, wohl auch unlösbaren Kampf gegen den Untergrundkampf sein: Politik gegen den Terror.