Wer denkt noch an die Kandidatenkür von Bonn, Schalke hat gewählt. Nur wenige elf Meter von der Arena des Parkstadions entfernt, im verräucherten Festsaal des Gelsenkirchener Hans-Sachs-Hauses, beschwor Günter „Oskar“ Siebert die Macht des Schicksals. Und die Fußballgötter hatten ein Einsehen. „Oskar“ ist wieder Präsident, Schalke ist wieder Schalke. Mehr noch: „In Schalke“, so der Alt-Schalker „Charly“ Neumann, „wird wieder Fußball gespielt.“

Als der Wahlabend sich neigte, wirkten selbst die in zahlreichen Abstiegsduellen gestählten Vereinsmitglieder durch das Wechselbad der Gefühle gezeichnet. Hatte nicht, es ging schon auf Mitternacht, Ex-Präsident Hans-Joachim Fenne für Irritationen gesorgt, als er sich mit „Oskar“ zu einer letzten Besprechung auf die Herrentoilette zurückzog? Zahlreiche Pressevertreter waren Zeuge dieser Unterredung, die „Oskar“ sichtlich beeindruckte und die ihn, den Gastronomen von Gran Canaria, noch einmal schwanken ließ zwischen Beruf und Berufung. Spanisches Bier und Würstchen einerseits, Schalke und gut fünf Millionen Schulden andererseits. Aber als die Delegierten das Vereinslied mit den „Tausend Feuern“ intonierten, hatte Günter Siebert die Zweifel in sich längst beseitigt.

Nach diesem Punktsieg über die eigene Vernunft war der Rest des Weges zum Präsidentenamt nur noch eine Formsache. Mitkandidat Heinrich Meya, ein umstrittener ehemaliger Oberstadtdirektor von Gelsenkirchen und als Professor für Rhetorik einem Großteil der Delegierten ohnehin suspekt, landete im geschlagenen Feld. Nein, mit dem Professor den „Oskar“ zu verhindern, das erschien der Mehrzahl der Vollversammlung wie ein Verrat an jenem Schalker Mythos, den die königsblauen Knappen auch nach einem langen Vereinsleben nur annähernd auf den Punkt bringen können: „Dat is eben Schalke“.

Nähe zu diesem Mythos mit seinen nur schwer zu fassenden Gesetzmäßigkeiten ist auch Günter Siebert zu attestieren. Als Club-Präsident zwischen 1967 und 1976 und noch einmal von 1978 bis 1979 festigte er schon frühzeitig den Ruf, daß in Schalke alles möglich sei. In seine Amtszeit fiel die Bundesliga-Bestechungsaffäre, er mußte mit dem Vorwurf leben, sich an dem Verein zu bereichern, als bekannt wurde, daß er am Verkauf von Bier und Würstchen im Stadion beteiligt war.

Aber Günter Siebert stand auch für unkonventionelle Ideen: Nach der Weltmeisterschaft 1974 ließ er die Anhängerschaft wissen, beim nächsten Heimspiel des Vereins stünde die Verpflichtung eines brasilianischen Superstars zur Abstimmung. 70 000 Zuschauer kamen zu diesem ansonsten eher belanglosen Spiel, votierten und wunderten sich: Über Nacht verschwand die Kiste mit den Stimmkarten, an eine Auszählung war nicht mehr zu denken.

Als auch noch Unregelmäßigkeiten bei Transfergeschäften ruchbar wurden, bekam Günter Sieben allerdings die unerbittliche Strenge Schalker Justiz zu spüren. Statt ihn mit einer Entlassung sozusagen noch einmal davon kommen zu lassen, strafte ihn der Verein mit einem Redeverbot in der Mitgliederversammlung.

Dessen ungeachtet, bei einer spontanen Regierungserklärung am Abend seiner erneuten Wiederwahl lief Siebert quasi aus dem Stand wieder zu rhetorischer Bestform auf. Mit Blick auf die finanzielle Schieflage des Vereins bekannte der Präsident: „Ich bin auf das Schlimmste gefaßt, entscheidend aber ist immer noch, was auf der grünen Wiese passiert.“