Warum nach Latein und statt Esperanto das Englische Weltsprache geworden ist

Von Rudolf Walter Leonhardt

Die geniale Sprachbegabung eines Mannes, der in der dafür genau richtigen Umgebung lebte, führte vor hundert Jahren zur Schaffung der ersten internationalen Kunstsprache, die alle Voraussetzungen dafür zu erfüllen schien, Weltsprache zu werden. 1887 wurde in Warschau ein schmales Bändchen "Lingvo internacia" veröffentlicht. Sein Verfasser nannte sich Dr. Esperanto, was in der von ihm selber geschaffenen Sprache "der Hoffende" bedeutet. Bald diente das Pseudonym des Verfassers zur Bezeichnung der Sprache: Esperanto.

Die kleine Garnisonsstadt, in der er, der spätere Augenarzt Dr. Ludwig Lazarus Samenhof, 1859 geboren wurde, war so recht geeignet dafür, die babylonische Sprachverwirrung als Ursache aller Unverträglichkeiten des Lebens zu begreifen: In Bialystok sprach die Stadtbevölkerung polnisch; auf den umliegenden Dörfern war Litauisch die Muttersprache der Bauern; die aus Moskau oktroyierte Verwaltung bestand darauf, daß russisch gesprochen wurde, sie schickte jedoch auch immer mehr Juden in das besetzte Ostpolen, und von den etwa 20 000 Einwohnern Bialystoks sprach daher die Hälfte, zu der die Familie Samenhof gehörte, jiddisch. Schließlich gab es noch eine kleine deutsche Sprachgruppe.

Der junge Samenhof wuchs demnach dreisprachig auf. Sein Vater brachte ihm dazu Deutsch und Französisch bei. In der Synagogen-Schule lehrten sie ihn Hebräisch und Aramäisch. Nachdem die Familie nach Warschau umgezogen war, kam er aufs Gymnasium und lernte dort Griechisch und Latein, später auch Englisch. Im Alter von sechzehn Jahren beherrschte er daher nicht weniger als acht Sprachen neben seinen Muttersprachen Jiddisch und Polnisch.

Er verschaffte sich ausreichende Kenntnisse auch der restlichen europäischen Sprachen, vor allem des Italienischen und Spanischen, und aus all diesen bastelte er kunstvoll seine "lingvo internacia" zusammen: eine Sprache, deren sechzehn Grammatikregeln sich auf zwei Seiten erklären lassen, deren Aussprache einfach und so eng wie möglich an das Schriftbild gebunden, deren Wortschatz auf wenig mehr als tausend Wörter reduziert ist.

Darin vor allem liegt der intellektuelle Reiz des Esperanto, dem eines Rätsels oder eines Intelligenztests verwandt: Wie aus diesen tausend Grundwörtern mit Hilfe von etwa vierzig vorangestellten, eingeschoben oder angehängten Kennsilben ein Vokubular sich bilden läßt, das beinahe beliebig erweitert werden kann.

Da heißt also ein Omnibus ein "buso" (alle Substantive hören im Esperanto auf "o" auf). "Ist" wird eingeschoben für Berufsbezeichnungen; also ist ein "busisto" ein Busfahrer. "In" bezeichnet wie im Deutschen, nur konsequenter und immer vor den Schluß-Vokal gesetzt, das Weibliche; "busistino" ist also eine Busfahrerin. Um ein Spiel abzuschließen, das wir noch lange spielen könnten und das, wenn man die paar Grundregeln begriffen hat, großes Vergnügen macht: Ein eingeschriebenes "ej" bedeutet immer den festen Ort; also ist "busejo" eine Garage für Omnibusse.

Wenn je eine Kunstsprache fähig gewesen wäre, sich als Weltsprache, neben den Nationalsprachen, versteht sich, also als "Weltverständigungssprache" durchzusetzen, dann dieses spielend zu erlernende, spielerisch handhabbare Esperanto.

Aber dem stellten sich zunächst einmal die auf eigenes schlimmes Erleben gegründeten hohen Ideale des Sprachschöpfers entgegen. Während ein nüchterner Mann wie der Franzose Louis de Beaufront, der sich große Verdienste um die internationale Verbreitung des Esperanto erworben hat, völlig zufrieden war mit den Dolmetscherfunktionen der Kunstsprache, bestand Dr. Samenhof auf der weltverbindenden Friedensmission einer alle Menschen guten Willens umfassenden Esperanto-Kultur. Dies hatte zur Folge, daß die Esperantisten zu einer Lingo-Sekte geworden sind, die sich selber allzu ernst nimmt und daher von der großen Mehrheit der Nicht-Esperantisten nicht mehr ernstgenommen wird.

Im Laufe seiner Sprachstudien hatte Ludwig Samenhof zwei Schlüsselerlebnisse, die ihn die Zukunft seiner lingvo internacia hätten ahnen lassen können. Als er Griechisch und Latein lernte, fragte er sich: Wozu noch eine neue Sprache? Warum lernen nicht alle Menschen Griechisch oder Latein?

Warum nicht Mandarin?

Die paar Humanisten, die es heute noch gibt, wissen: Griechisch ist zu schwer, vor allem durch seine vielen Dialekte. Auch wer eifrig Homer studiert hat, kann das Johannes-Evangelium noch lange nicht lesen. Latein – das wäre möglich. Als Kirchen- und Universitätssprache des europäischen Mittelalters bis weit in die Neuzeit hinein war es ausreichend vereinfacht worden. Aber die Zeit des Lateinischen war eben vorbei; Die Bereitschaft, ihm seine weltbeherrschende Stellung zurückzugewinnen, reichte schon deswegen nicht aus, weil inzwischen die christliche Kirche ihre weltbeherrschende Stellung eingebüßt hatte.

Auch die Zeiten, da die Esperantisten auf eine weltweite Vorherrschaft ihrer Sprache hätten hoffen können, sind nach nunmehr hundert Jahren vorbei. Schon deswegen, weil die weltbeherrschende Stellung Europas, auf dessen Sprachen Esperanto sich gründet, vorbei ist.

Ein zweites Schlüsselerlebnis hatte Ludwig Samenhof bei seinem ersten Bekanntwerden mit der englischen Sprache. Wieder wollte er seine eigenen Pläne fast aufgeben: Denn da war sie ja, die für jedermann erlernbare Weltsprache, mit einer einfachen Grammatik, ohne mühsame Artikel und Flexionen. Aber nein, sagte er sich dann, der riesige Wortschatz, die komplizierte Idiomatik und die höchst unsicheren Beziehungen zwischen Schriftbild und Wortlaut machen Englisch doch als Weltsprache ganz unbrauchbar.

Er hat sich geirrt, weil die Unkompliziertheit einer Sprache nicht das einzige Kriterium für ihre internationale Verwendbarkeit ist. In Wirklichkeit ist Englisch "schwer": eine Sprache, in der ein langes U auf mindestens sechs verschiedene Weisen geschrieben werden kann (through, blue, blew, moon, do, Uhland), die ihre Präpositionen so kunstvoll durcheinanderwirbelt wie Rastelli seine Keulen und deren germanischer Wortschatz durch den romanischen verdoppelt wird. Woran liegt es wohl, daß ein durchschnittlicher Oberschüler es dennoch für leichter hält als etwa Latein oder Französisch?

Im Vergleich zu Latein ist Englisch leicht, weil die Motivationen, es zu lernen, stärker sind. Ohne Englisch kann man mit keinem Computer umgehen und den besseren Teil der modernen Pop-Songs nicht verstehen. Nur eine auf englisch geschriebene wissenschaftliche Arbeit hat Aussicht auf internationale Beachtung. Das sind allerdings schon Folgen des weltsprachlichen Status, Folgen freilich, die diesen Status immer mehr festigen. Die Ursachen liegen weiter zurück und waren geprägt von drückender Notwendigkeit. Wer mit den Herrschenden sich arrangieren mußte wie die Kolonialvölker, dem blieb auf Dauer gar nichts anderes übrig, als deren Sprache zu lernen. Wer zur See fahren will, muß die Sprache der Seefahrer kennen, die dann, mit den notwendigen Änderungen, im Luftverkehr übernommen wurde. Wer jemandem etwas verkaufen will oder von ihm etwas kaufen muß, kommt schwerlich aus ohne die Sprache seines Handelspartners.

All diese Beweggründe kumulieren sich. Und immer wieder trat das Englische dabei in den Vordergrund. Inzwischen sprechen 330 Millionen Menschen Englisch als Muttersprache. Freilich sprechen mehr noch, nämlich 750 Millionen, Mandarin. Und dennoch kann man sich, auch bei steigender Bedeutung Chinas in der Weltpolitik, nicht vorstellen, daß Chinesisch eines Tages zur internationalen Sprache wird. Die Geschichte von den Optimisten, die Russisch, und den Pessimisten, die Chinesisch lernen, wird ein Witz bleiben.

Der deutsche Oberschüler, zum Beispiel, fände als guten Gründen Chinesisch "schwer", da er ja schon das Französische schwerer findet als das Englische. Das liegt an einer Eigenschaft des Englischen, die den Lesern von Shakespeare und Shelley kein Vergnügen bereitet: Die Sprache gibt sich jeder Art von Vereinfachung willig hin und trägt, auch grausam verstümmelt, einigermaßen verständliche Informationen geduldig weiter.

Erbärmliches Gestammel

So kommt es, daß weitaus mehr Menschen sich Englisch als Zweitsprache oder als Fremdsprache angeeignet haben als irgendeine andere Sprache der Welt, nämlich sechshundert bis siebenhundert Millionen. In Europa liegen absolut die Russen an der Spitze mit 9,7 Millionen Schülern, die Englisch lernen. Bezogen auf die Bevölkerungszahl wird die Spitzenposition von den Holländern mit 1,1 Millionen Englisch-Schülern gehalten. Die Bandesrepublik liegt mit 2,5 Millionen gut im Rennen. Die haben sich inzwischen addiert zu 44 Prozent der deutschen Bevölkerung; jedenfalls haben 440 Bundesbürger von 1000 dem Hamburger Sample-Institut angegeben, sie sprächen Englisch. Man muß ja nicht gleich fragen, wie.

In den afrikanischen und asiatischen Kolonien des britischen Weltreiches wurde das Englische den einheimischen Sprachen angeglichen. Auf der niedrigsten Stufe gibt es da den unsystematischen Gebrauch englischer Brocken, der als Pidgin-Englisch bekannt ist. Entwickelt diese Mischsprache ihre eigenen Regeln und Traditionen, dann bezeichnet man sie als Kreol-Englisch. Von da an sind die Übergänge fließend und führen bis zum neuen Standard-Englisch.

"Reines Englisch" im Sinne von Oxford-Englisch oder Königs-Englisch wird zwar von ein paar Millionen, vor allem im Süden Englands, noch gesprochen, aber am Weltmaßstab gemessen, spielt es keine Rolle mehr. Weltweit sind drei große Gruppen zu unterscheiden: das britische Englisch, das amerikanische Englisch und das indische Englisch.

Indisches Englisch ist zwar nicht direkt eine Mittersprache, kommt ihr jedoch nahe insofern, als es auch für Inder oft die einzige Möglichkeit ist sich in ihrem Land mit seinen vierzehn verschiedenen Sprachen (so viele zählt die indische Verfassung) verständlich zu machen. Eine Sprache jedoch, die von Millionen Asiaten wie eine Muttersprache verwendet wird, hat aufgehört, eine im engeren Sinne europäische Sprache zu sein. Sie kann auch von Chinesen und Japanern als Weltverständigungssprache angenommen werden. Und so geschieht es, von Jahr zu Jahr mehr.

Bis vor kurzem gab es die Befürchtung, die verschiedenen Englisch-Sprachen könnten, derart strapaziert, auseinanderreißen, so daß der Engländer den englischsprechenden Inder und dieser den englischsprechenden Amerikaner nicht mehr versteht. Diese Entwicklung, die es zweifellos gegeben hat, scheint inzwischen wieder rückläufig zu sein. Der internationale Reiseverkehr und moderne Kommunikationstechniken wirken normierend. Und Computer verstehen nur Amerikanisch. Nicht so angesprochen, behaupten sie, der Benutzer habe sich "in der Syntax geirrt".

Noch trifft die englische Weltsprache auf Widerspruch, wobei ökonomischer Neid und nationaler Stolz die stärksten Triebfedern sind. Wir kennen das in vielen Variationen. Es gibt Tendenzen in der deutschen Kulturpolitik, den Engländern/Amerikanern verlorenes Terrain wieder abzujagen. Die Franzosen übertreffen uns auch darin an Temperament und Zielstrebigkeit, vor allem in der Diaspora, also zum Beispiel in Französisch-Kanada. Wie bei allen ehemaligen Kolonialvölkern gab und gibt es in Indien starke Bestrebungen, das Englische wieder loszuwerden. Aber ein Bengale verständigt sich, wenn er schon nicht sein eigenes Bengali sprechen kann, doch lieber mit Hilfe von Englisch als mit Hilfe von Hindi in Indien, von Urdu in Pakistan. Wenn man das weiterverfolgen wollte, träfe man auf kulturhistorische Phänomene wie dieses, daß das Englische eigentlich die erste und einzige gesamt-indische Sprache war. Sanskrit wurde immer nur in einer gebildeten Oberschicht gesprochen.

Ein japanischer Export-Import-Kaufmann, so wird andererseits geklagt, muß erst einmal Englisch lernen. Engländer und Amerikaner können die dafür aufzubietende Zeit und Energie direkt ins Geschäft investieren. Wenn man die Erfolge der britischen und der japanischen Export-Industrie Revue passieren läßt, hat man nicht den Eindruck, daß dieser Vorteil der Engländer mächtig zu Buche schlüge. Wobei am Rande durchaus bemerkenswert ist, daß der Sprachexport vielen Engländern Arbeit und Brot gegeben hat. Die sehr professionell gemachte Sprachserie "Follow me" war und ist noch immer das beste Geschäft, das die britische Rundfunkgesellschaft BBC je gemacht hat.

Mit Recht wird darauf hingewiesen: Die Weltsprache ist gar nicht Englisch, sondern ein erbärmliches Gestammel, das von Ausländern für Englisch gehalten wird. Ganz so ist es nicht, das ist übertrieben. Aber gewiß können einem englische Gesprächspartner manchmal leid tun, die sich anhören müssen, was man aus ihrer schönen Sprache alles machen kann. Andererseits nimmt die Kompetenz derer, die Englisch als Zweitsprache oder als Fremdsprache verwenden, hörbar zu. Keiner lernt absichtlich schlechtes Englisch. Viele bemühen sich, ihre Sprachkenntnisse so zu verbessern, daß sie sich nicht nur mit dem Geschäftspartner in London oder New York verständigen, sondern eines Tages auch die Schönheiten Shakespeares und Shelleys begreifen können. Das schaffen am Ende wohl nur wenige.

Aber – und das ist ein "Aber" von nicht zu unterschätzender Motivationskraft – die vielen anderen werden doch davon träumen dürfen, eines Abends in Stratford-upon-Avon dem "Hamlet" im Original folgen zu können. Man unterschätze die Kraft der Träume nicht. Unter nichts hat Esperanto so sehr zu leiden gehabt, nichts macht sein eigentlich eher überzeugendes Angebot so zunichte wie dies: daß es kein Stratford-upon-Avon und kein New Orleans gibt, von dem Esperantisten träumen könnten.