Von Gerhard Spörl

Wiesbaden, im Februar

Zuletzt befand er sich in jener Situation, in der er gewöhnlich seine ganze Umsicht und Stärke beweist: in der heillosen Bredouille. Noch einmal agierte Holger Börner nach dem oftmals bewährten Drehbuch. Er ließ verbreiten, ihn werde man nicht in Scheiben schneiden; er sagte, die Grünen könnten ihn nicht verbiegen, geschweige denn erpressen; schließlich machte er aktenkundig, daß die erste rot-grüne Landeskoalition in der Geschichte der Bundesrepublik zerbrochen ist und sprach honorig dem „Herrn Staatsminister Joseph Fischer Dank und Anerkennung für seine dem Lande Hessen geleisteten Dienste“ aus. Der Elefant war aus dem Busch ins Freie ausgebrochen.

Auch Joschka Fischer bezeugte Börner danach ganz unironisch und fast ein bißchen bewegt „tiefen Respekt“. Profis in diesem Metier schätzen eben einander, selbst wenn sie so ungleich sind wie der gravitätische, staatstragende Sozialdemokrat mit dem Hang zum Konventionellen und der antibürgerliche Rebell mit der Straßenkämpfer-Vergangenheit. Fischer hielt die rote Mappe mit der Entlassungsurkunde schon in der Hand, als ihn Börner zu einer kleinen Nachbetrachtung der vergangenen vierzehn Monate zu sich ins Amtszimmer bat. Auch dies eine Symbolhandlung: So scheiden nicht zwei Protagonisten, die demnächst einen knallharten Wahlkampf gegeneinander führen müssen. Der Staatsmann und sein Ex-Turnschuhminister saßen einträchtig beieinander, weil beide fest daran glauben, daß keiner von ihnen anders handeln konnte und durfte.

Immerhin, da war er in Aktion, der gute alte „Dicke“, wie ihn die Konservativen nicht nur seiner Partei schätzen. Den Laden zusammenhalten, die SPD vor Schaden und vor allem vor dem Verlust der Macht zu bewahren – darin war er ja seit mehr als einem Jahrzehnt erfolgreich geübt. Wann Börner zu dem Schluß gekommen ist, daß sein Dasein ab Ministerpräsident mit dieser Koalition endet, bleibt sein Geheimnis. Da waltete in den letzten Wochen ja kein hintersinniger Plan, weder in der Staatskanzlei noch im Umweltministerium. Den Grünen schwante langsam, was diese Art Vatermordlegende für sie bedeuten könnte. Zu den Absonderlichkeiten gehört es, daß ausgerechnet jene Teile des Publikums wirklich an Börners Wiederauferstehung glaubten, die ihn jahrelang mit Hohn und Spott überschüttet hatten. Der Schock bei Freund und Feind stellte sich erst am Dienstag mittag ein, als der um Fassung und Haltung ringende Holger Börner mit kargen Worten alle Unklarheiten beseitigte: Rücktritt vom Landesvorsitz, keine neuerliche Kandidatur als Regierungschef. Die Grünen mochten die Dinge auf die Spitze treiben – wann seine Ära, 1976 begonnen, in Hessen endet, darüber wollte Holger Börner selber bestimmen.

Börner und die Grünen – das ist der Stoff, aus dem jetzt die Legenden gewoben werden. Die wahre Geschichte steckt voller Fehleinschätzungen und verspäteter Einsichten. Börner hat sich dabei aufgerieben, er hat sich immer neue Krankheiten zugezogen, und er hat sich nach und nach ins Schneckenhaus zurückgezogen. Er fand sich mit der Amtsaufgabe ab, als er einsah, daß er falsch beraten worden war. Es gab kein Zurück mehr, als er sich von alten verehrten Autoritäten wie Helmut Schmidt verlassen fühlte. In der Woche nach der Bundestagswahl hatte der Spiegel jenen Brief veröffentlicht, mit dem Schmidt im Juli 1985 Johannes Rau von der Kanzlerkandidatur abgeraten hatte: „Mir ist unklar“, so konnte der Betroffene jetzt lesen, „ob und wieweit Holger Börner sein ob 1983 großes persönliches Ansehen selbst beeinträchtigt hat oder wieweit die Baracke denjenigen Kräften in Hessen-Süd beigeholfen hat, die die Koalition mit den Grünen, links von der CDU, gewollt haben. Ich halte den Imageverlust dieses stämmigen sozialdemokratischen Facharbeiters für ein Unglück.“

Da hatte also einer vergeblich versucht, über seinen Schatten zu springen. Börner konnte einerseits schwerlich vergessen, mit wem er da in Wiesbaden regieren mußte: auch den Demonstranten von der Startbahn West. Andererseits – was hatte er nicht alles seit 1976 überstanden: den Helaba-Skandal, die Opfergänge für die Regierung Schmidt in Sachen Startbahn West und Biblis; den Abgang der FDP mit fliegenden Fahnen und die vielen Anstürme der hochmotivierten CDU.