Börner entschloß sich, die Grünen wie davongelaufene Bürgerkinder zu behandeln, die mit dem richtigen Leben versöhnt werden müssen. Was er erreichte, steht im krassen Gegensatz zu seinen ursprünglichen Absichten. Die Grünen sind mäßig geläutert, aber eine Macht landauf, landab. Und will die SPD der CDU diesmal wieder nicht freien Lauf lassen, dann bleibt allein die neue, die zweite Koalition mit den Grünen, den Totengräbern der Ära Börner.

Zu den unausrottbaren Gerüchten gehört, daß Börner als Befehlsempfänger der Bonner Baracke tun mußte, was ihm zutiefst zuwider war. Das ominöse Wort Willy Brandts von der "Mehrheit diesseits der Union" ist ja im Herbst 1982 nach einer Hessen-Wahl geboren worden. Heute läßt sich gut mutmaßen, daß damals mehr die Freude über den ausgebliebenen Machtverlust ("Schmidtleids-Effekt") die Zunge belebte als die große Vision vom neuen historischen Bündnis. Deshalb verhielt sich die Parteizentrale über die Jahre einsilbig, wann immer der angereiste hessische Ministerpräsident um Rat bat. Als Modell paßte Hessen erst jetzt in die politische Landschaft und ins Seelenleben der SPD – in einem Augenblick, wo es nicht mehr zu retten war.

Hessen war in den vergangenen viereinhalb Jahren nie recht vorne, die verehrten Autoritäten ließen den Ministerpräsidenten im Stich. Und Holger Börner führte seine Regierung schwach. Von jeher war er es gewohnt, präsidial zu regieren, also lieber den Landesvater darzustellen und das Geschäft seinen Leuten zu überlassen. Mit den jungen wilden Grünen wollte er noch weniger auf die erprobte Arbeitsteilung verachten. Als Folge erhielten die Macchiavellis in der Staatskanzlei und die politisch unbegabten Fachleute im Wirtschaftsministerium freien Auslauf. Im Fall Alkem arbeiteten beide Abteilungen höchst mißlich zusammen. Der berüchtigte Brief mit der Genehmigung unter Vorbehalt für die Hanauer Nuklearfirma Alkem, aus grüner Sicht nur zu verstehen als manifeste Sezession, entstand in trautem Einvernehmen der politischen Büchsenspanner und der detailversessenen Beamten. Das war am 8. Januar; von dann an nahm das Verhängnis seinen Lauf.

Nun jagte ein Grünen-Ultimatum das andere. Die anklagenden, erklärenden, beschwörenden Sendschreiben wanderten zwischen der Staatskanzlei in der Bierstätterstraße und dem Umweltministerium in der Dostojewskistraße hin und her. Nebenbei zeigte sich, wie tief die Grünen den Keil in die SPD hineingetrieben hatten. Das Fernsehen zeigte Bilder, vom grünen Tatort, Motto: Aufregung auf allen Fluren – zu sehen waren jedoch auch SPD-Genossen aus diversen Ministerien, die jetzt fraternisieren gingen. Zu besichtigen war alsbald auch das seltsame Schauspiel, daß zwei leibhaftige SPD-Minister die Beschlüsse ihres Parteibezirkes mittrugen, Alkem unter keinen Umständen zu genehmigen. Die Linken in Frankfurt und Umgebung, ewig gebeutelt, immer sieglos, witterten Morgenluft. Sie beschworen die Grünen, den Bruch zu besiegeln; anders hätten sie keine Chance gegen Börner und Krollmann. Die hessische SPD zeigte alle Zeichen der Auflösung.

Nachträglich rächte sich bitter, daß vor vierzehn Monaten nicht genau begründet worden ist, zu welchem gemeinsamen Zweck die Regierung Börner-Fischer überhaupt ans Werk ging. Anti-Atompolitik? Für die Hanauer Nuklearfabrik fand sich ein Formelkompromiß. Die Grünen durften sich ungestraft erlauben, ihn maximal auszulegen: keine Genehmigung für Alkem. Die SPD konnte sich nicht minder zu Recht auf eine minimale Interpretation berufen: Ja zu Alkem, aber nur bei Begrenzung der Plutonium-Menge und der Betriebsdauer – und ansonsten Gottvertrauen auf Walter Wallmann, daß er, als Bonner Umweltminister in letzter Instanz für atomare Genehmigungen zuständig, den Spieß umdrehen und ein Ja ohne Wenn und Aber verlangen würde. Gewünschtes Ergebnis: Die SPD wollte fein herauskommen. Sie glaubte, die Gewerkschaften beruhigen zu müssen, die im Wirtschaftsministerium um eine Genehmigung für Alkem nachsuchten; sie mußte die Grünen kalmieren, die keine irgendwie geartete Genehmigung unterschreiben wollten. Es ist wohltuend, daß Holger Börner auch soweit klare Fronten geschaffen hat. Joschka Fischer hat den Grund vom Ministerpräsidenten schriftlich genannt bekommen: "Eine Streichung von Arbeitsplätzen ist mit der SPD nicht zu machen."

Die Grünen wissen seitdem, was sie immer schon vermuteten. Von nun an ließen sie sich das Heft nicht mehr aus der Hand nehmen. "Wir mußten kühn kalkulieren," sinnierte Joschka Fischer, frisch emeritiert, zufrieden. Es fügte sich, daß der Gebrauchswert inzwischen erfüllt war, den das Mitregieren besaß. "Als es in Hessen anfing, da wollten wir unbedingt einen Fuß in der Tür haben." Da ging es noch, und nach der verheerenden Niederlage in Nordrhein-Westfalen um so mehr, ums bloße Überleben der Partei. Joschka Fischer, in Wiesbaden Regisseur und Hauptdarsteller in einer Person, ging es zudem um die Vorherrschaft in der Partei. Daß der doppelte Beweiszwang dem eigentlichen Zweck der Übung nicht gutgetan hat, nämlich mit der SPD zu regieren, liegt auf der Hand. Für den ersten alternativen Ex-Minister zählt bis auf weiteres ausschließlich der Erfolg. Nach den Maßstäben der Grünen galt mittlerweile das "grundsatzbestimmte Einmischen" im allgemeinen und im Falle Nukem im besonderen (Fischer: "Bremsen, verzögern, verhindern") als Prinzip. Um das Paradoxe im Jargon der Grünen zu sagen: "Erst die SPD zu verladen, sie vorzuführen und bloßzustellen, verhilft dem Experiment Regierungsteilhabe zur Legitimation."

Nach der Bundestagswahl war der Coup beschlossene Sache. Die Grünen müssen seitdem endgültig nicht mehr fürchten, doch nur ein flüchtiges Phänomen zu sein. Sie siegen, so lesen sie die Zahlen, je nach den gegebenen Umständen: hier, weil sie nicht mitspielen, dort, weil sie mitspielen. Die Langzeitwirkung von Tschernobyl und die kurzfristige Wirkung des Koalitionsausstieges sollen sie bei der Landtagswahl am 5. April auf zehn Prozent tragen. Knapp darunter sind die Grünen bei der Januar-Wahl gelandet.