Das Unternehmen Regierung jedenfalls hatte seinen Dienst getan. "Wir haben ja nichts zu verlieren," gab Joschka Fischer Einblick in seine Gedankenwelt, "die SPD hat alles zu verlieren. Wir sind eine geborene Oppositionspartei. Die SPD ist in Hessen seit vierzig Jahren Regierungspartei. Wir können nur gewinnen." Die nicht unbegründete Hoffnung, daß Hessen bald Schule machen könnte, die zugegeben vage Aussicht auf eine Umkehrung der Mehrheit im Bundesrat – verspielt, leichtfertig, bedenkenlos dreingegeben.

Dann begann der letzte Akt im Hessen-Drama. Am Freitag, dem 6. Februar, eine Pressekonferenz der Grünen, die Saaluhr ist um fünf Minuten vor zwölf angehalten. Mahnungen an die SPD mit hochgezogener Augenbraue, das unwürdige Schauspiel zu beenden. Der Noch-Minister Fischer sieht die SPD "eine historische Chance für Hessen und die Bundesrepublik verspielen: Herr Börner lädt schwere Verantwortung auf sich". So gestärkt war die Landesversammlung am Sonntag in Langgöns das reine Kinderspiel. Die entscheidenden Sätze: "Die These ist widerlegt, daß früher hohe Radikalität geherrscht habe und jetzt nur noch Anpassung." – "Wer in der Regierung ist, hat noch nicht die Macht." – "Wir gehen nicht als Koalition, sondern erhobenen Kopfes in der sicheren Gewißheit, daß die Zeit für uns arbeitet und nicht für die SPD." Als dann endlich alles vorbei wir, fragte ein Reporter Joschka Fischer, ob er denn nun traurig sei. "Nein, nicht traurig," antwortete er mit breitem Grinsen. "Ich werde dafür kämpfen, daß rot-grün weitergeht, darauf können Sie sich verlassen."

Das Hessen-Drama ist vorüber. Holger Börner hat endlich Zeit, an seine Gesundung zu denken. Joschka Fischer wurmt es, daß etliche fertige Gesetzentwürfe vorerst in der Schublade schmoren. "Es ist ja doch schade, daß wir nicht mehr zeigen können, wie gut wir sind." Im Umweltministerium weiß man nicht so recht, wie es weitergeht. Der Staatssekretär schleicht untätig über die Gänge; er wartet auf die freundlich angekündigte Entlassung. Das Hoechst-Werk in Griesheim meldet einen kleinen Unfall, "kurzfristige Belastung mit einem aromatischen Lösemittelgemisch". "Wir wickeln das hier mit Anstand ab," beruhigt ein grüner Abteilungsleiter hinter einem Berg von roter und grünen Laufakten. Der Sozialminister, der das Umweltressort übernehmen mußte, hat wissen lassen, er wünsche keinerlei politische, organisatorische, personelle Entscheidungen.

Der alte Umweltminister verabschiedet sich nach Frankfurt-Eschersheim. In den letzten Wochen hat er ein Tagebuch über sein Leben und seine Erlebnisse als erster grüner Großwürdenträger der Republik geschrieben. Das Schlußkapitel fehlt noch. Jetzt wird es geschrieben.